MSp_Teil5_2

Ein Sendbrief Michael Sattlers, aus seinem Gefängnisse an die Gemeinde Gottes in Horb geschrieben

Meine lieben Mitgenossen in dem Herrn! Gnade und Barmherzigkeit von Gott, dem himmlischen Vater, durch Jesum Christum, unsern Herrn und die Kraft seines Geistes sei mit euch, Geliebte Gottes, Brüder und Schwestern!

Ich kann eurer nicht  vergessen, obgleich ich dem Leibe nach nicht gegenwärtig bin; dennoch sorge und wache ich stets für euch, als meine Mitglieder, damit nicht der Leib entzogen oder geraubt werde und dann der ganze Leichnam mit allen Gliedern Traurigkeit empfange, insbesondere zu dieser Zeit, wo der Grimm des reißenden Wolfes sehr hoch gestiegen und  mächtig geworden ist, so dass er auch mich erwecket hat, um mit ihm zu
streiten. Aber Gott sei ewig Lob, das Haupt ist ihm ganz zerspalten; ich hoffe, sein ganzer Leib wird ihm in Kurzem vergehen, wie geschrieben steht.

Liebe Brüder und Schwestern! Ihr wisst wohl, mit welcher feurigen Liebe ich euch neulich ermahnt habe, als ich bei euch war, dass ihr lauter und gottselig in aller Geduld und Liebe Gottes sein solltet, woran ihr unter diesem ehebrecherischen  Geschlechte der gottlosen Menschen als leuchtende und scheinende Lichter erkannt werden möget, welche Gott, der himmlische Vater, mit seiner Erkenntnis und dem Lichte des Geistes erleuchtet hat. Mit gleichem Eifer bitte und ermahne ich euch, dass ihr gewiss und vorsichtig unter denen wandelt, die draußen sind als Ungläubige, damit unser  Amt, welches uns Gott auferlegt hat, nicht geschmäht und mit Recht gelästert werde.

Gedenket des Herrn, welcher euch den Groschen gegeben hat,  denn er wird ihn mit Wucher wieder fordern; damit euch der einzige Groschen nicht wieder genommen werde, leget ihn auf Wucher, nach dem Befehle des Herrn, der euch den Groschen gegeben hat.

Ich bezeuge euch durch die  Gnade Gottes, dass ihr wacker seid und wandelt, wie es den Heiligen Gottes geziemt und wohl ansteht. Sehet, welche Strafe der Herr über die unnützen Knechte kommen lässt, nämlich über ganz laue und träge Herzen, welche zu Gottes und der Brüder Liebe ganz ungeschickt und kalt sind. Was ich schreibe, ist euch widerfahren. Lasset euch solches zur  Ermahnung dienen, damit nicht auch gleiche Strafe von Gott über euch kommen möge. Hütet, hütet euch vor solchen, damit ihr nicht auch ihre Gräuel lernt, die gegen Gottes Befehl und Gebot handeln, sondern straft dieselben mit großem Bedacht und mit dem Banne nach dem Befehle Christi, doch in aller Liebe und in allem Mitleiden über ihre kalten Herzen. Wenn ihr dieses tun werdet, so werdet ihr bald sehen, wie Gottes  Schäflein bei den Wölfen wohnen und werdet wahrnehmen, wie sich diejenigen bald absondern werden, welche nicht auf den rechten Fußpfaden und den lebendigen Wegen Christi durch Kreuz, Elend, Gefängnis, Selbstverleugnung und zuletzt durch den Tod wandern wollen; dann könnt ihr euch in Wahrheit Gott, eurem himmlischen Vater als eine reine, gottselige, lautere Gemeinde Christi vorstellen, welche durch sein Blut gereinigt ist, damit sie vor Gott und den Menschen heilig und unsträflich von aller Abgötterei und Gräuel geschieden und erlöst sei, damit der Herr aller Herren in ihnen wohnen und sie ihm eine Hütte sein möge. Liebe Brüder! Beherziget, was ich euch schreibe, als ob es die Wahrheit sei, und wendet Fleiß an, dass ihr darnach wandelt. Entfernt euch nicht von dem Ziele, wie bisher einige getan, sondern verfolgt, ohne abzuweichen, den geraden Weg in aller Geduld, damit ihr nicht selbst das Kreuz, welches Gott euch aufgelegt, Gott zur Schmach und Unehre, wie auch zur Übertretung und Auflösung seiner ewigen, wahrhaftigen, gerechten und lebendig machenden Gebote aufhebt und wieder ablegt.

Werdet nicht müde, wenn ihr von dem Herrn gestraft werdet, denn diejenigen, die Gott lieb hat, züchtigt er, wie ein Vater, der ein Wohlgefallen an seinem Sohne hat. Was wollet ihr doch anfangen, wenn ihr Gott entfliehen wollt? Was wird es euch helfen, wenn ihr Gott entlaufen wollt? Ist es nicht Gott, welcher Himmel und Erde erfüllt? Weiß er nicht alle Heimlichkeiten eurer eitlen Herzen und die Unkeuschheit eurer Nieren? Alles, was darin ist, ist ihm offenbar und es ist ihm kein Ding verborgen. Du eitler Mensch! Wohin willst du doch laufen, dass dich Gott nicht sehe? Warum fliehst du vor der  Rute deines Vaters? Wirst du dich nicht nach dem Willen des Vaters führen
lassen, so wirst du kein Erbe seiner Güter sein; warum liebst du mehr die kurze und vergängliche Ruhe, als die gottselige, mäßige Strafe und Züchtigung des Herrn zu deiner Seligkeit? Wie lange willst du essen aus den Töpfen Ägyptens? Wie lange willst du fleischlich gesinnt sein? Das Fleisch vergeht samt aller seiner Herrlichkeit, aber das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit. Liebe Brüder, merkt was ich euch schreibe, denn es ist nötig, weil ihr seht, dass ihrer wenige sind, die des Herrn Züchtigung standhaft ertragen wollen! Wogegen die meisten Menschen, wenn sie etwas Geringes am Fleische empfinden, matt und müde werden und nicht mehr auf Jesum, den Herzog und  Vollender unseres Glaubens sehen; ebenfalls vergessen sie alle seine Gebote und achten das Kleinod nicht hoch, welches der Ruf Gottes den Überwindern überall vorhält und verheißt, sondern sie achten die zeitliche Ruhe, die sie vor Augen haben, mehr und halten sie für nützlicher als die ewige, die man hoffen muss. Außerdem gibt es einige, die, wenn ihnen solches vorgehalten wird, Gott wiewohl mit Unrecht beschuldigen, als wollte er sie nicht in seinem Schutze erhalten. Ihr wisst, welche ich meine, seht euch vor, dass ihr mit solchen keine Gemeinschaft habt.

Ferner, geliebte Mitglieder in Christo, seid ermahnt, dass ihr die Liebe nicht vergesst, ohne welche ihr kein christliches Häuflein sein könnt. Ihr wisst aus dem Zeugnisse des Paulus, unserem Mitbruder, was die Liebe sei, welcher so spricht:  Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie eifert nicht, sie bläht sich nicht auf, sie ist nicht ehrgeizig, sie sucht nicht das Ihre, sie denkt nichts Arges, sie hat keine Freude an der Ungerechtigkeit, sondern erfreuet sich in der Wahrheit; sie leidet alles, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles. Merkt auf diese Sprüche, so werdet ihr die Liebe Gottes und des Nächsten finden und wenn ihr Gott liebt, so werdet ihr euch an der Wahrheit erfreuen und alles glauben, hoffen, ertragen was von Gott kommt. Auf solche Weise wird der vorerwähnte Mangel hinweggenommen und vermieden. Wenn ihr aber den Nächsten liebt, so werdet ihr nicht mit Eifer strafen oder bannen, nicht das Eurige suchen, nichts Arges denken, nicht ehrgeizig und zuletzt nicht aufgeblasen, sondern barmherzig, gerecht, mildreich in allerlei Gaben, demütig und mitleidig mit den Schwachen und Unvollkommenen sein.

Diese Liebe haben einige Brüder (ich weiß wohl, wer sie sind) verfälscht und haben einander nicht durch die Liebe auferbauen wollen, sondern haben sich aufgeblasen und sind durch eitle Wissenschaft und Erkenntnis der Dinge unnütz geworden, welche Gott allein für sich selbst verborgen halten will. Ich bestrafe oder verwerfe nicht die Gnade und Offenbarung Gottes, sondern nur die hochmütigen Gebräuche dieser Offenbarung. Was nützt es, sagt Paulus, wenn jemand mit Menschen- und Engelszungen redete und wüsste alle Geheimnisse und Weisheit und hätte allen Glauben, sagt, was nützt dieses alles, wenn die einige Liebe nicht im Gebrauche ist? Ihr habt es erfahren, was dergleichen aufgeblasene Reden und Unwissenheit nach sich gezogen hat; ihr seht noch täglich ihre falschen Früchte, obgleich sie sich Gott übergeben haben.

Und lasst euch durch niemand den Grund verrücken, welcher durch den Buchstaben der Heiligen Schrift gelegt und mit dem Blute Christi und vieler Zeugen Jesu versiegelt ist. Vernehmt nicht dasjenige, was sie von ihrem Vater sagen, denn er ist lügenhaft und glaubt ihrem Geiste nicht, denn er ist ganz im Fleische versunken.  Überlegt, was ich euch schreibe, lasst euch diese Dinge zu Herzen gehen, damit ihr von diesem Gräuel gereinigt und als fruchtbare, demütige und gehorsame Kinder Gottes erfunden werden mögt. Liebe Brüder! Verwundert euch
nicht, dass ich diese Dinge so nachdrücklich verhandle, denn es geschieht nicht ohne Grund. Die Brüder haben es euch sicherlich bekannt gemacht, dass einige von uns gefangen seien; und als man die Brüder zu Horb ebenfalls gefangen genommen, hat man uns nachher nach Bintzdorf geführt. In dieser Zeit sind uns viele Anschläge der Widersacher begegnet; bald haben sie uns mit dem Stricke, bald mit Feuer oder dem Schwerte gedroht.  In solcher Gefahr habe ich mich ganz in des Herrn Willen gegeben und mich um seines Zeugnisses willen mit allen meinen Mitbrüdern und meiner ehelichen Schwester zum Tode bereitet; dabei gedachte ich der Menge der falschen Brüder und auch eurer, deren nur wenige sind, weil überhaupt nur wenige treue Arbeiter in des Herrn Weinberge sind; darum habe ich für nötig erachtet, euch mit solcher Ermahnung aufzumuntern, um uns in dem Streite Gottes nachzufolgen, damit ihr euch damit trösten und in des Herrn Züchtigung nicht müde werden mögt.

Mit kurzen Worten, liebe Brüder und Schwestern! Dieser Brief soll ein Abschied von euch allen sein, die Gott wahrhaftig lieb haben und ihm nachfolgen (die andern kenne ich nicht), sowie ein Zeugnis meiner Liebe gegen euch sein, welches Gott um eurer Seligkeit willen in mein Herz gelegt hat. Ich hätte wohl noch eine kurze Zeit des Herrn Arbeit bedienen mögen, und es wär auch (wie ich hoffe) nützlich gewesen, aber um meinetwillen ist es besser, entbunden zu werden und bei Christo die Hoffnung der Seligen zu erwarten. Der Herr kann ihm wohl einen andern Arbeiter erwecken, der seine Arbeit vollende.

 Bittet, dass die Arbeiter zur Ernte genötigt werden, denn die Zeit des Dreschens ist nahe; der Gräuel der Zerstörung ist unter euch offenbar geworden, die auserwählten Knechte und Mägde Gottes werden mit ihres Vaters Namen an ihren Stirnen gezeichnet; die Welt erhebt sich gegen diejenigen, welche von ihrer Verführung erlöst sind; das Evangelium wird vor aller Welt bezeugt, zum Zeugnis über sie, darum ist es nötig, dass des Herrn Tag nicht verziehe.

Ihr wisst, meine geliebten Mitglieder, wie es sich gezieme, sich selbst gottselig und christlich aufzuführen. Seht zu, wacht und betet, damit eure Weisheit euch kein Urteil zuziehe; haltet an im Gebete, damit ihr vor des Menschen Sohn würdig stehen mögt; gedenkt an euern Vorläufer Jesum Christum und folgt ihm nach durch den Glauben und Gehorsam mit Liebe und Geduld:  vergesst, was fleischlich ist, damit ihr in der Wahrheit Christen und Kinder des höchsten Gottes genannt werden möget; haltet in der Züchtigung eures Vaters im Himmel aus und weicht weder zur  Rechten noch zur Linken aus, damit ihr durch die Türe eingehen mögt und damit ihr nicht nötig habt, auf einem fremden Pfade zu wandeln,  welchen die Sünder, Zauberer, Götzendiener und ein jeder, der die Lüge lieb hat, gehen müssen. Gedenkt unserer Versammlung und was darin beschlossen worden; folgt diesem fleißig nach, und wenn noch etwas vergessen wäre so bittet den Herrn um Verstand;  seid mildreich gegen alle, die unter euch Mangel leiden, insbesondere aber gegen diejenigen, die unter euch mit dem Worte arbeiten und verjagt werden und ihr Brot in der Stille und Ruhe nicht essen können;  vergesst die Versammlungen nicht, sondern wendet Fleiß an, dass ihr beständig zusammenkommt und euch, sowohl im Gebete für alle Menschen, als im Brotbrechen vereinigt und zwar um so fleißiger, als des Herrn Tag nahe ist.  In solcher Zusammenkunft sollt ihr der falschen Brüder Herz offenbar machen, so werdet ihr ihrer bald loswerden.

Zuletzt, liebe Brüder und Schwestern, heiligt euch dem, der euch heilig gemacht hat und vernehmt, was Esdras sagt: Erwartet eures Hirten, er wird euch ewige Ruhe geben, denn er ist nahe, welcher am Ende der Welt kommen wird. Seid bereit, die Belohnung seines Reiches zu empfangen, flieht den Schatten dieser Welt;  steht auf und seht die Zahl derer, die zu dem Abendmahle des Herrn gezeichnet sind, denn diejenigen, welche sich der Finsternis der Welt entzogen haben,  haben von dem Herrn glänzende Kleider empfangen. O Zion! Nimm deine Zahl und behalte deine Gezeichneten, die des Herrn Gesetz erfüllt haben, denn die Zahl der Kinder, die du begehret hast, ist erfüllt. Auf dem Berge Zion habe ich eine große Schar gesehen, welche niemand zählen konnte, die lobten alle den Herrn mit Lobgesängen. Und mitten unter ihnen war ein Jüngling, der mit seiner Länge alle überging und einem jeden eine Krone auf das Haupt setzte und immer größer ward; ich aber verwunderte mich hierüber und fragte den Engel und sprach:  Herr, wer sind diese? Er antwortete und sprach: Diese sind‘s, die das sterbliche Kleid abgelegt und das unsterbliche angetan und den Namen Gottes bekannt haben; jetzt werden sie gekrönt und Palmzweige empfangen. Weiter fragte ich den Engel: Wer ist aber der Jüngling, der ihnen die Krone aufsetzt und ihnen Palmzweige in die Hand gibt? Und er sprach zu mir: Er ist der Sohn Gottes, welchen sie in der Welt bekannt haben; ich aber fing an, diejenigen höchlich zu preisen, welche so fest für den Namen des Herrn standen.

Ich ermahne euch, geliebte Mitglieder des Leibes Christi, haltet, was ich in dieser Schrift vorgestellt habe und lebt darnach; wenn ich dem Herrn aufgeopfert werde, so lasst euch meine eheliche Schwester anbefohlen sein, als ob ich‘s selbst wäre. Der Friede Christi und die Liebe des himmlischen Vaters, wie auch die Gnade ihres Geistes bewahre euch unbefleckt ohne Sünde und stelle euch rein und fröhlich vor das Anschauen ihrer Herrlichkeit, in der Zukunft unseres Herrn Jesu Christi, damit ihr in der Zahl der Gerufenen, in dem Abendmahle des einwesentlichen, wahrhaftigen Gottes und Heilandes Jesu Christi erfunden werden mögt, welchem sei ewiger Preis, Lob und Herrlichkeit, Amen.

 Hütet euch vor den falschen Brüdern, denn der Herr wird mich vielleicht zu sich rufen, deshalb seid nun gewarnt. Ich warte auf meinen Gott, bittet für alle Gefangenen ohne Unterlass. Gott sei mit euch allen, Amen.

Gegeben im Turme zu Binzdorf, Bruder Michael Sattler von Staufen, samt meinen Mitgefangenen in dem Herrn.

Von diesem Helden und Zeugen Jesu Christi sind noch andere Schriften im Drucke, welche von der Genugtuung Christi, von der brüderlichen Vereinigung, von der Ehescheidung, von den bösen Vorstehern und von dem Anhören der falschen Propheten handeln.

Leonhard Kaiser, 1527

Als  die Gläubigen unter der Verfolgung und dem Kreuze sehr zunahmen, ist in Bayern ein gelehrter Messpfaffe gewesen, Leonhard Kaiser genannt, welcher Zwinglis und Luthers Schriften untersuchte, wie er denn selbst nach Württemberg gezogen ist und daselbst mit den Gelehrten Unterredung gepflogen,  auch das Nachtmahl mit ihnen gehalten hat. Als er nach Bayern zurückgekehrt ist, hat er die Früchte und die Lehre sowohl der Taufgesinnten, als Zwinglis und Luthers in Überlegung genommen und sich unter das Kreuz zu der abgesonderten Kreuzeskirche der Taufgesinnten begeben und sich mit derselben im Jahre 1525 vereinigt, hat auch von der Zeit an sein
Lehramt mit großer Kraft und mit großem Eifer und unerschrocken gegen alle Tyrannei, welche mit Ertränken, Verbrennen und Ermorden den Gläubigen drohte, fortgesetzt. Dieser Leonhard Kaiser wurde im zweiten Jahre seines Amts zu Scharding in Bayern gefangen genommen und von dem Bischofe zu Passau, wie auch von andern Pfaffen und Domherren, auf den Freitag vor Laurentius, im August desselben Jahres zum Feuertode verurteilt. Sie banden ihn aber, als sie ihn zum Feuer hinausführten, auf einen Karren, zu dessen Seiten die Pfaffen gingen, welche Latein mit ihm redeten; er aber antwortete deutsch des Volkes wegen, wie sie denn auch vor Gericht mit ihm nicht deutsch sprechen wollten, obgleich er solches oft begehrte. Als er nun hinaus aufs Feld kam und sich dem Feuer näherte, hat er sich zur Seite des Karrens gebückt; mit seiner Hand, obgleich er gebunden gewesen, ein Blümlein ergriffen und zu dem Richter, der neben dem Karren zu Pferde ritt gesagt: Herr Richter, hier breche ich ein Blümlein ab, werdet ihr dieses Blümlein und mich verbrennen können, so habt ihr mich mit Recht zum Tode verurteilt; werdet ihr jedoch mich und das Blümlein in meiner Hand nicht verbrennen können, so erinnert euch daran, was ihr getan habt und tut Buße. Hierauf hat der Richter mit drei Schinderknechten viel Holz, mehr als sonst gewöhnlich ins Feuer geworfen, um ihn durch das große Feuer bald zu Asche zu verbrennen; als aber das Holz ganz verbrannt war, hat man seinen Leib unverbrannt aus dem Feuer genommen; hierauf haben die drei Scharfrichter mit ihren Knechten aufs neue Holz genommen und ein großes Feuer gemacht; als solches ausgebrannt war, war gleichwohl sein Leib vom Feuer nicht verzehrt, nur dass seine Haare versengt und seine Nägel etwas braun waren; als man seinen Leib unter der Asche hervorsuchte war er glatt und klar; desgleichen hat man das Blümlein geschlossen, unverwelkt und vom Feuer durchaus nicht verzehrt in seiner Hand gefunden. Hierauf haben die Scharfrichter seinen Leib in Stücke zerhauen und die Stücke in ein neues Feuer geworfen; als nun das Feuer abermals ausgebrannt war, lagen die Stücke gleichwohl noch unverbrannt im Feuer. Endlich haben sie die Stücke genommen und in einem Fluss, der Inn genannt, geworfen. Dieser Richter ist dadurch so erschreckt worden, dass er sein Amt niedergelegt hat und an einen andern Ort gezogen ist. Der erste Diener des Richters, welcher mit ihm war, auch dieses alles gehört und gesehen hatte, ist zu uns nach Mähren gekommen, unser Bruder geworden, und hat fromm gelebt, ist auch ebenso gestorben. Unsere Lehrer haben aus seinem Munde dieses zum Andenken aufgeschrieben und lassen es nun zu Gottes Ehre ausbreiten und bekannt machen.

Genauere Anmerkung von Leonhard Kaisers Tode

Seb. Franck, in seiner Chron. der Röm. Ketzer, Buchst. Q, beschreibt diese Sache folgendermaßen:

Als er nun, nachdem man ihn gefänglich nach Scharding gebracht, von drei Scharfrichtern kreuzweise auf eine Leiter gebunden, zum Feuer hinausgeführt und in dasselbe gestoßen wurde, so sind die Stricke, als er Jesum Christum angerufen, von seinem Leibe abgesprungen und verbrannt, und als er dessen ungeachtet noch lebte, wälzte er sich auf der einen Seite zum Feuer heraus.

Unmittelbar darauf hat ihn der Scharfrichter mit Hopfenstangen, welche zufällig bei der Hand waren, abermals ins Feuer gestoßen, so dass er auf der andern Seite sich herauswälzte; hierauf haben ihn die Scharfrichter lebendig in Stücke zerhauen und dieselben ins Feuer geworfen; aber sie konnten, wie ich gelesen habe, dieselben nicht verbrennen.

Siehe auch hiervon P. I. Twisck, in seinem 16. Buche der jährlichen Gesch. Blatt 1020, Col. 2.
 
Thomas Hermans, und später noch siebenundsechzig, im Jahre 1527

Im Jahre 1527 wurde Thomas Hermans gerichtet, ein Diener des Evangeliums und des Wortes Gottes. Nachdem nämlich einige Personen zu Kitzpil gefangen genommen worden und aus Furcht vor der Tyrannei der Obrigkeit von der Wahrheit wieder abgefallen sind, aber dessen ungeachtet von derselben vor vielem Volke auf einen öffentlichen Platz gestellt wurden, wo ihnen die andern, um sie kleinmütig zu machen, mit vielen Lästerworten zugerufen: Ei, wie fein lassen nun eure Hirten und Lehrer ihr Leben für euch? - ist der genannte Thomas Hermans durch das Volk gedrungen, hervorgetreten und hat freimütig gesagt: Dies ist die Wahrheit, die ich euch gelehrt habe und ich will solches mit meinem Blute bezeugen. Hierauf ist er ohne Verzug gefangen genommen, gepeinigt, zum Feuer verurteilt und verbrannt worden. Er dichtete und sang ein Lied, als er hinausgeführt wurde, welches noch vorhanden ist. Sein Herz konnte man nicht verbrennen; zuletzt haben sie es in die See geworfen, welche in der Nähe des Richtplatzes war. Nach ihm sind an diesem Orte siebenundsechzig seiner Glaubensgenossen gerichtet worden. Der Richter zu Kitzpil, welcher viele derselben hat verurteilen und töten helfen und der sie sowohl vorher als nachher um ihres Glaubens willen Ketzer nannte, ist später, durch Gottes Verhängnis in eine entsetzliche Schande geraten, dass er selbst als Ketzer erfunden und von allen Menschen mit Recht dafür gehalten wurde, was jedoch nicht um des Glaubens willen geschehen ist, sondern weil ihn Gott in solche Schande hat fallen lassen, dass er auch vor der Welt in große Schmach und Unehre kommen musste.

Auch ist die Rache Gottes über den Stadtschreiber zu Kitzpil gekommen, der nicht wenig dazu beigetragen, dass dieses unschuldige Blut vergossen worden, indem er gesagt, er wolle sein Haupt nicht eher sanft niederlegen, bis er diese Leute hätte ausrotten helfen. Als er nämlich im Winter auf einem Schlitten in der Stadt herumfuhr und mit demselben umwenden wollte, hat ihn das Pferd an eine Mauer und an eine Eiche in der Straße geworfen, so dass ihm die Hirnschale zerschmettert worden ist; er hat also sein Haupt nicht sanft niedergelegt, sondern ein erschreckliches Ende genommen, wie die Brüder Hans Kitzpiler und Christian Harina bezeugt haben.

Weynken, Nicolaus Tochter, von Monickendam, eine Witwe, wird in Haag, am 20. November im Jahre 1527, getötet und verbrannt

Am 15. November 1527 ist Weynken, Nicolai Tochter, von dem Schlosse zu Worden nach den Haag gefänglich gebracht worden, wohin auch der Graf von Hochstraßen, Statthalter in Holland, den 17. Tag desselben Monats gekommen ist. Den 18. Tag ist die vorgenannte Weynken vor den Statthalter und den ganzen Rat von Holland gestellt worden. Daselbst fragte sie eine Frau: Hast du diese Nacht bei dir beratschlagt und dich über die Dinge bedacht, welche meine Herren dir vorgelegt haben? Antwort: Was ich geredet habe, dabei bleibe ich fest. Frage: Wenn du nicht anders redest und dich von der Verführung abwendest, so wird man dir einen unerträglichen Tod bereiten. Antwort: Ist euch diese Gewalt von oben gegeben, so bin ich bereit zu leiden. Frage: Fürchtest du denn nicht den Tod, welchen du nicht geschmeckt hast? Antwort: Das ist wahr; aber ich werde niemals den Tod schmecken, denn Christus spricht:  So jemand mein Wort hält, der wird nicht den Tod schmecken in Ewigkeit. Der  reiche Mann hat den Tod geschmeckt und wird ihn schmecken in Ewigkeit. Frage: Was hältst du von dem Sakramente? Antwort: Ich halte euer Sakrament für Brot und Mehl und wenn ihr solches für einen Gott haltet, so sage ich, dass es euer Teufel sei. Frage: Was hältst du von den Heiligen? Antwort: Ich kenne  keinen andern Mittler als Christum. Frage: Wenn du hierbei bleibst, so musst du sterben. Antwort: Ich  bin schon gestorben. Frage: Wie kannst du denn reden, wenn du gestorben bist? Antwort: Der Geist lebt in mir, der  Herr ist in mir, ich bin in ihm. Frage: Willst du einen Beichtvater haben oder nicht? Antwort: Ich habe Christum, diesem beichte ich; wenn ich noch jemand erzürnt habe, so will ich denselben gern um Verzeihung bitten. Frage: Wie hast du diese Meinung erlernt und wie bist du dazu gekommen? Antwort: Der Herr ruft alle Menschen zu sich; so bin ich auch eins von  seinen Schafen, darum höre ich seine Stimme. Frage: Bist du denn allein berufen? Antwort: Nein, denn  der Herr ruft alle zu sich, die beladen sind.

Nach vielen andern dergleichen Reden hat man Weynken abermals ins Gefängnis geführt, wo sie in den beiden folgenden Tagen von vielen Personen versucht und angefochten worden ist, nämlich von Mönchen, Pfaffen, Frauen und ihren nächsten Freunden. Unter anderem ist auch eine Frau aus Einfalt zu ihr gekommen und hat sie in folgender Weise beklagt: Liebe Mutter, kannst du nicht denken, was du willst und stillschweigen, so wirst du nicht getötet werden. Hierauf antwortete Weynken: Liebe Schwester! Es ist mir befohlen zu reden und ich fühle mich dazu gedrungen, darum kann ich nicht schweigen. Frage: So bin ich besorgt, sie werden dich töten. Ob sie mich morgen verbrennen oder in einen Sack stecken werden, achte ich nicht; wie es der Herr verordnet hat, so muss es geschehen, und nicht anders. Ich will bei dem Herrn bleiben. Frage: Wenn du nichts anderes getan hast, so hoffe ich, du werdest nicht sterben. Antwort: An mir ist nichts gelegen; aber, wenn ich von dem Saale herunterkomme, so kann ich mich des Weinens nicht enthalten, denn es jammert mich, dass ich sehen muss, wie alle solche kluge Männer so verblendet sind; ich will aber den Herrn für sie bitten.

Auch sind zwei schwarze oder Dominikaner-Mönche zu ihr gekommen, von denen der eine ein Beichtvater, der andere aber ein Lehrer gewesen. Einer derselben hat ihr das Kreuz gezeigt und gesagt: Siehe, hier ist dein Herr und Gott. Sie antwortete: Das ist nicht mein Gott; es ist ein anderes Kreuz, wodurch ich erlöst worden bin, dieses ist ein hölzerner Gott, werft ihn ins Feuer und wärmt euch dabei. Der andere fragte sie am frühen Morgen ihres Todestages, ob sie nicht das Sakrament empfangen wollte, er wolle es ihr gerne darreichen. Sie sagte: Welchen Gott willst du mir geben, den, der vergänglich ist, welchen man um einen Heller oder Deut verkauft. Desgleichen sagte sie auch zu dem Paffen oder Mönche (welcher sich freute, dass er auf diesen Tag Messe gehalten hatte), dass er Gott aufs Neue gekreuzigt hätte. Hierauf sagte er: Es kommt mir vor, du seiest ganz verirrt. Weynken antwortete: Dafür kann ich nichts, mein Herr, mein Gott, welchem Ehre, Lob und Dank in Ewigkeit sei, hat mir es so gegeben. Frage: Was hältst du von dem heiligen Öle? Antwort: Öl ist gut auf dem Salate, auch deine Schuhe damit zu schmieren.

In der Mitte der Woche brachte man sie vor Gericht und als sie nun in den Saal kam, trat der Mönch zu ihr, hielt ihr das Kreuz vor das Angesicht und sagte: Widerrufe doch, ehe das Urteil gefällt wird! Aber Weynken kehrte sich vom Kreuze ab und sagte: Ich bleibe bei meinem Herrn, bei meinem Gott; es wird mich weder Tod noch Leben von ihm scheiden. Als sie vor
dem Richter stand, sagte der Mönch ihr ins Ohr: Fall auf deine Knie und bitte den Herrn um Gnade! Sie antwortete: Schweige nur, habe ich dir nicht gesagt, dass du mich von meinem Herrn nicht abziehen werdest? Der Diakon von Naaldwyk, welcher Unterkommissarius und Ketzermeister war, hat das Urteil in Latein vorgelesen, und als er solches ins Deutsche verdolmetschte, sagte er mit kurzen Worten, dass sie in ihrem Glauben in Ansehung des Sakramentes irrig zu sein befunden worden sei und da sie unbeweglich dabei bliebe, so habe er beschlossen, dass sie eine Ketzerin sei, worauf er die Weynken den weltlichen Händen übergeben mit der Erklärung, dass er in ihren Tod nicht einwillige. Hierauf ist er mit seinen beiden Beisitzern, welches gleichfalls geistliche Männer gewesen sind, aus dem Rate gegangen.

Sodann wurde vom Gerichtsdiener abgelesen, dass sie, wie man sagt, halsstarrig befunden worden sei, was nicht ungestraft bleiben könne, dass sie daher zu Asche verbrannt und alle ihre Güter aber dem gemeinen Schatze heimgeschlagen werden sollen. Hierauf sagte Weynken: Ist nun alles geschehen? Ich bitte euch alle, falls ich jemanden misshandelt oder erzürnt habe, dass ihr mir dieses vergeben wollt. Hierauf sprach der Mönch zu ihr: Küsse nun deinen Herrn und Gott einmal. Sie antwortete: Dieses ist nicht mein Herr. Als sie die Ratskammer verließ, sprach der Mönch zu ihr, sie sollte unsere liebe Frau um ihre Fürbitte anrufen. Sie antwortete: Unsere Frau ist in Gott wohl zufrieden. Mönch: Rufe sie an! Weynken: Wir haben Christum, welcher zur rechten Hand des Vaters sitzt, dieser bittet für uns. Als sie nun vom Saale kam und zum Galgen oder Gerichte ging, sagte der Mönch: Siehe einmal deinen Herrn an, der für dich gestorben ist! Weynken: Das ist nicht mein Herr, mein Gott; mein Herr Gott ist in mir und ich bin in ihm. Siehe dich um, willst du alle diese Schäflein verurteilen und sind sie alle verdammt? Weynken: Nicht alle, das Gericht kommt Gott zu. Mönch: Fürchtest du dich denn nicht vor dem strengen Urteile Gates? Weynken: Gott kommt nicht, um die Sünder zu verdammen, sondern um ihnen Frieden zu geben. Mönch: Fürchtest du nicht das Urteil Gottes, welches du im Feuer wirst leiden müssen? Weynken: Nein, denn ich weiß, wie ich mit meinem Herrn daran bin. Auf dem Gerüste oder Schaffotte stand eine Person neben Weynken, die sprach zu ihr: Mutter, wende dich zum Volke und bitte dasselbe, dass es dir vergibt, wenn du jemanden beleidigt hast; dieses tat sie. Hierauf hat sie dem Scharfrichter geholfen, das Pulver in den Busen zu stecken. Auch hier versuchte sie der Mönch mit dem Kreuze, welches sie aber mit der Hand von sich stieß, sich umwandte und sagte: Was versuchst du mich? Mein Herr, mein Gott ist hier oben. Dann ging sie fröhlich wie zu einer Hochzeit; auch hat sich ihr Angesicht keineswegs vor dem Feuer entsetzt. Der Mönch sagte ferner zu ihr: Willst du nicht standhaft bei Gott bleiben? Weynken: Ja, gewiss! Mönch: Nun musst du ohne Verzug ins Feuer gehen, widerrufe jetzt noch! Weynken: Ich bin wohl zufrieden;  des Herrn Wille muss geschehen. Mönch: Das ist nicht des Herrn Wille; Gottes Wille ist deine Heiligung. Der Scharfrichter sprach: Mutter, bleibe bei Gott und laß dich nicht von Gott ziehen. Unterdessen ging die fromme Heldin allein und unerschrocken nach der Bank und begab sich zum Pfahle, an welchem sie verbrannt werden sollte und sagte: Steht auch die Bank fest, werde ich nicht fallen? Hierauf hat der Scharfrichter die Stricke zubereitet, womit sie erwürgt werden sollte; die Frau band ihr Halstuch oder Schleier ab und legte den Strang um ihren Hals. Hierauf rief der Mönch: Liebe Weynken, willst du auch gerne als eine Christin sterben? Antwort:
Ja, ich will. Frage: Entsagst du aller Ketzerei? Antwort: Ja. Mönch: Das ist gut; ist es dir auch leid, dass du geirrt hast? Weynken: Ich habe zwar früher geirrt, solches ist mir leid; dieses aber ist kein Irrtum, sondern der rechte Weg und ich bleibe bei Gott. Als sie nun so geredet hatte, hat der Scharfrichter angefangen, sie zu erwürgen und als sie dieses fühlte, schlug sie die Augen nieder und schloss sie zu, als ob sie in einen Schlaf gesunken wäre. Sie hat den Geist am 20. November des Jahres 1527 aufgegeben.

Johann Walen mit zweien seiner Mitbrüder, 1527

Im Jahre 1527 hat ein getreuer Bruder, genannt Johann Walen gelebt, welcher mit zweien seiner Mitbrüder in Wasserland auf Crommenicsdyk wohnte. Diese drei sind mit einander um des Zeugnisses Jesu Christi willen  von den blutdürstigen Papisten gefänglich nach Haarlem geführt und nach einer kurzen Zeit von da nach Grafenhaag gesandt worden, wo man sie sehr streng verhört und untersucht hat; doch haben sie in dem Verhöre durch die Kraft des Allerhöchsten, womit sie ausgerüstet waren, in Geduld widerstanden und dadurch alle ihre Untersucher und Peiniger, samt der Welt und allem, was man mit Augen sehen kann, durch den Glauben tapfer überwunden. Deshalb sind sie von dem Herrn der Finsternis an dem bezeichneten Orte  zu einem solchen unmenschlichen und tyrannischen Tode verurteilt worden, wie gleich folgen soll. Man hat sie nämlich in Ketten an Pfahle geschlossen und sie dann mit einem Feuer umringt, sie so langsam gebraten, bis man hat das Mark aus den Beinen durch die Schenkel hat herausdringen sehen; in dieser Weise sind sie von unter herauf gebraten worden, bis der Tod erfolgt ist. Nachdem sie gestorben, hat man noch von ihren Leibern Kleider in Stücken abgerissen, an welchen man noch erkennen konnte, von welcher Farbe das Tuch gewesen.  Weil sie nun dieses alles um des Namens Jesu und des Wortes Gottes willen und nicht wegen einer begangenen Missetat erlitten haben, sondern lediglich  um den festen Grund der Wahrheit vor diesem falschen und ehebrecherischen Geschlechte zu bezeugen und zu bekennen, so wird der Sohn Gottes, wenn er in seiner Herrlichkeit erscheinen wird, sich ihrer auch nicht schämen, sondern sie vor seinem Vater und seinen auserwählten Engeln bekennen und sie mit ewiger Herrlichkeit im Himmel krönen.

Leonhard Schiemer, 1528, nach ihm wohl noch siebzig

Im Jahre 1528 wurde Leonhard Schiemer von Vöklaburg gefangen genommen; er war ein Diener Gottes und ein sowohl in der Heiligen Schrift als auch in der lateinischen Sprache erfahrener Mann, welcher die wahre Taufe Christi und seiner Apostel und das wahre Abendmahl des Herrn, wie auch die Artikel des christlichen Glaubens, ja das Wort Gottes getreulich lehrte und gegen die Kindertaufe, wie auch gegen das abscheuliche Sakrament und andere Gräuel des Antichristentums zeugte. Anfänglich ist er ungefähr 6 Jahre lang ein Barfüßermönch gewesen, nachdem er aber das Leben der Mönche und Pfaffen mit dem Worte Gottes abgemessen und sowohl ihre Unreinigkeit und ihren Mutwillen, als auch ihre Scheinheiligkeit und Laster eingesehen hat, so ist zu Judenburg in Österreich aus dem Kloster gegangen und nach Nürnberg gezogen, wo er das Schneiderhandwerk erlernt hat, worauf er dann gewandert und nach Nicolsburg in Österreich gekommen ist. Daselbst hat er von Balthasar
Hubmaier und von dessen Tode gehört und vernommen, dass einige dieses Glaubens, zu Veyen versammelt seien; diesen hat er nachgeforscht, ist zu ihnen gekommen, hat sie gehör und sich daselbst unter Oswalds Begleitung taufen lassen. Hierauf ist er nach Steyen gezogen, um daselbst sein Handwerk zu treiben. Dort hat er gelehrt und getauft,  indem er von ihnen zum Lehrer erwählt worden ist; hat auch hin und wieder in Bayern bis nach Rotenburg im Inntale gelehrt und getauft. Hier ist er um seines Glaubens willen gefangen genommen und untersucht worden und hat viel mit seinen Widersachern gehandelt. Von diesen hat er verlangt, dass, wenn man seine Lehre und seinen Glauben für falsch und für Ketzerei halten wollte, so sollte man gelehrte Leute, Doktoren, Mönche und Pfaffen vor ihn kommen lassen, um mit ihm zu disputieren; wenn nun in dem Wortstreite mit wahrem Grunde aus Heiliger Schrift befunden würde, dass er unrecht hätte, so möchte man ihn deshalb als einen Ungerechten strafen. Auch hat er, um sowohl die Wahrheit als auch seine Schriften und Reden noch mehr zu befestigen, sich erboten, dass, wenn einige Gelehrte mit der Wahrheit der Heiligen Schrift ihn überzeugen würden, dass seine Lehre der Heiligen Schrift nicht ähnlich wäre, so sollte man ihm durch den Scharfrichter, indem er von ihnen überwunden sei, jedes Glied einzeln von seinem Leibe abschneiden und wenn er keine Glieder mehr habe, so sollte man die Rippen aus seinem Leibe herausholen, bis dass er seine Seele ausgehaucht; falls er aber nicht zum Verhöre und zur Disputation gelangen könnte und man ihn unverhört richten oder töten lassen wollte, so bäte er alle, die Zeugen seines Todes seien und alles umstehende Volk, dass sie hierin vor Gott am jüngsten Tage seine Zeugen sein wollten. Nichtsdestoweniger ist er nach des Kaisers, auch Königs von Ungarn und Böhmen, ausgegangenem Befehle zum Tode verdammt und dem Scharfrichter übergeben worden, welcher ihn den 14. Januar des erwähnten Jahres zu Rotenburg um des Zeugnisses Jesu willen, wovon er nicht abweichen wollte, enthauptet und zu Asche verbrannt hat. Nachher haben an demselben Orte nach diesem Leonhard an siebenzig Personen eben dasselbe mit ihrem Blute bezeugt.

Dieser Leonhard Schiemer hat unter anderem die nachfolgende Ermahnung an alle diejenigen, welche um des Namens Christi willen im Leiden sind, zum Troste hinterlassen.

Wir bitten dich, o ewiger Gott, neige deine gnädigen Ohren zu uns, Herr Zebaoth! Du Fürst der Heerscharen, höre doch unsere Klagen, denn großes Ungemach und Plage hat die Oberhand genommen und der Hochmut ist in dein Erbe gekommen; und dazu haben sich viele vermeinte Christen verbunden und haben so den Gräuel der Verwüstung aufgerichtet.  Sie toben und zerstören das Heiligtum der Christen. Sie haben es zertreten und der Gräuel der Verwüstung lässt sich als Gott anbeten.  Sie haben deine heilige Stadt zerstört, deinen heiligen Altar  umgeworfen und die Knechte darin, wo sie dieselben ergreifen konnten, ermordet. Und als wir als ein kleines  Häuflein übergeblieben sind, haben sie uns mit Schmach und Schande in alle Länder vertrieben. Wir sind zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben; wir müssen Haus und Hof verlassen und gleichen den Nachtvögeln, die sich in den Steinfelsen aufhalten. In Höhlen und Steinklippen sind unsere Kammern, man stellt uns nach, gleich den Vögeln, die in der Lust fliegen. Wir gehen in den Gebüschen umher, man sucht uns mit den Hunden. Man führt uns wie stumme Lämmer, die ihren Mund nicht auftun, gefangen und gebunden. Man verschreit uns als Aufrührer und Ketzer. Wir werden als Schlachtschafe zur Schlachtbank
geführt. Auch sitzen viele betrübt in Banden, welche an ihrem Leibe verderben. Einige sind durch die strenge Pein umgekommen und ohne alle Schuld gestorben. Hier ist die Geduld der Heiligen auf Erden. Deshalb müssen wir hier durch Leiden geprüft werden. Man hat die Gläubigen hier an die Bäume aufgehängt, erwürgt, in Stücke zerhauen, heimlich und öffentlich ertränkt; nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen und Jungfrauen haben hier gleichfalls die Wahrheit bezeugt, dass Jesus Christus die  Wahrheit und der einzige Weg zum ewigen Leben sei. Gleichwohl rast die Welt und ruht nicht, sie wütet wie unsinnig; sie erdichten Lügen gegen uns und hören nicht auf zu brennen und töten, sie machen uns die Welt zu enge. O Herr! Wie lange willst du doch dazu schweigen? Wie lange willst du das Blut deiner Heiligen nicht  rächen? Laß es vor deinem Throne aufsteigen! Wie köstlich ist das Blut deiner Heiligen vor deinen Augen. Darum haben wir zu dir allein in allen unsern Nöten eine tröstliche Zuversicht und keinen Trost, keine Ruhe oder keinen Frieden bei sonst jemand auf dieser Erde. Wer aber auf dich hofft, der wird in Ewigkeit nicht zu Schanden werden. O Herr! Es ist keine Trübsal so groß, dass sie uns von dir scheiden könne, darum rufen wir dich ohne Aufhören an, durch Christum, deinen Sohn, unsern Herrn, welchen du uns zum Troste aus lauter Gnade gegeben hast, der uns die schmale Bahn und den Weg zum ewigen Leben zubereitet und bekannt gemacht hat. Ewige Glorie und Triumph, Preis und Ehre werden dir gegeben von nun an bis in Ewigkeit und deine Gerechtigkeit bleibe ewig. Alle Völker segnen deinen heiligen Namen durch Christum, den zukünftigen gerechten  Richter der ganzen Welt. Amen.

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