MSp_Teil5_1

Der blutige Schauplatz oder Märtyrer-Spiegel der Taufgesinnten oder wehrlosen Christen

Zweiter Teil

An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher

Geliebteste!

Als vor Zeiten einer unserer Glaubensgenossen, C. Vermander, welcher an der Beschreibung der Trojanischen Kriege Gefallen fand, dem griechischen Poeten Homerus, den man den Blinden nannte, nachfolgte, indem er dessen griechische Verse, die von dieser Sache handeln, in holländische Reime gebracht, so hat er, nachdem er die Hälfte, nämlich die ersten zwölf Bücher, Iliade genannt, vollendet hatte, in seiner Arbeit aufgehört und nachfolgende Worte geschrieben:

Als ich den Blinden folgte nach,
Mit Fleiß zu bringen an den Tag,
Die Kriege Trojas ward ich satt,
Als ich die Hälft' erreichet hatt'.

Er ist in der Hälfte seiner Reise verdrießlich geworden, und in der Tat, hierzu hatte er keine geringe Ursache, denn wer weiß nicht, dass derjenige, welcher einem Blinden, vorzüglich auf unbekannten und gefährlichen Wegen nachfolgt, gar bald in Irrtum, ja in großes Unglück geraten könne. Welcher friedsame und liebreiche Mensch sollte auch wohl Wohlgefallen daran finden, die schweren Kriege, erschrecklichen Stürme und Anfälle auf eine beängstigte und mit vielem Elende erfüllte Stadt wie Troja, sonst Ilium genannt, zu Homers Zeiten gewesen, anzuschauen. Darum war es billig und nicht weniger seiner Seele nützlich, dass er wieder umkehrte, wie man denn im Sprichworte sagt:

Es ist besser, auf halbem Wege umgekehrt, als weiter irre gegangen.

Wir aber, sehr Geliebte, als wir den halben Weg, ja fünfzehn blutige Jahrhunderte zurückgelegt hatten, sind erst recht begierig geworden, die Reise fortzusetzen; wir hatten solche unersättliche Begierde aus demjenigen, was wir bereits gesehen und gehört hatten, geschöpft; ja, was noch mehr ist, obgleich wir auf dem Wege viel Hitze und Kälte, Ungemach und Wehtage, ja tödliche Krankheiten erlitten haben, so ist doch dadurch unsere Begierde nicht erloschen, sondern vielmehr erregt und aufgeweckt worden, um das Ende zu erreichen.

Denn in Wahrheit, diejenigen, die uns hier begegnet sind, sind keine griechischen Kämpfer gewesen, welche unter dem Helden Agamemnon oder seinem Feldherrn Hector, Dienste genommen hatten; auch sind die Stürme und Anfälle, welche wir betrachtet haben, nicht auf eine mit Händen erbaute Stadt, vielweniger auf das Städtlein Ilium in Phrygien geschehen; ferner hat man hier, bei den Überwindern, keine Pechtonnen als Siegeszeichen gebrannt; vielweniger erlangten die Helden, die sich wohl gehalten und ihr Leben getreulich gewagt haben, verwelkliche Eichenblätter oder Lorbeerkränze zum Geschenke oder im Falle sie umgekommen waren, hat man ihre Gräber mit Grabsteinen, Pyramiden oder Grabspitzen, welche doch endlich mit der Welt vergehen müssen, geziert.

Hier aber verhielt es sich ganz anders, geliebte Freunde, ja gewisslich, ganz anders; denn es sind uns Helden begegnet, welche dem Könige aller Könige und dem Herrn aller Herren, Jesu Christo, gedient haben, welcher, obgleich ein geschlachtetes Lämmlein, dennoch ein Fürst der Könige oder Erde ist.

Der Ort, den sie bestürmten, war eine Stadt, angefüllt mit allem Guten oder das neue und himmlische Jerusalem, deren Grund von allerlei Edelsteinen gelegt ist; die Pforten von Perlen die Straßen von Gold wie durchsichtiges Glas; diese haben sie mit Gewalt eingenommen zum ewigen Besitze; aber die abgöttische Stadt Babel, daran Gott ein Missfallen hatte, haben sie mit geistigen Waffen, so weit ihre Kräfte reichten, zu Grunde gerichtet.

Die Ehre, die sie durch ihren Sieg erlangen, ist eine ewige Ehre, ihre Freude eine ewige Freude! Die Siegeskronen, welche ihnen dargereicht werden, sind ewige und himmlische Kronen. Hier bedarf es keiner irdischen Grabsteine, Pyramiden oder Grabspitzen, um ihre Leichname zu verehren, weil ihre Seelen bei Gott in Ehren sind und unter dem Altare GottesOffb 6,9, welches der Platz aller seligen Märtyrer ist, Ruhe erlangen.

Den Ort, wo dieses alles geschehen ist, sind wir mit unsern Gedanken durchwandelt und haben alle diese Dinge mit den Augen des Glaubens angesehen.

Es ist wahr, der Jammer, der uns hier nach dem Fleische begegnet ist, ist fast nicht zu überwinden, wenn man so viele elendige und nicht weniger gottesfürchtige Personen betrachtet, welche ihr Leben für die erkannte Wahrheit gelassen haben; diese in den Flammen, jene im Wasser, worin sie ertränkt wurden, andere unter des Schwertes Schärfe, einige unter den Stricken, womit man sie erwürgte oder unter den Zähnen der wilden Tiere; ich will hierbei nicht anderer Werkzeuge ohne Zahl gedenken, wodurch sie erbärmlich und elendiglich umgekommen sind.

Auf der andern Seite aber ist die Freude nicht zu beschreiben, ja mit keiner Zunge oder Sprache auszudrücken, die wir daselbst mit geistigen Augen gesehen und mit den Ohren des Gemütes gehört haben; denn einige haben unter dem Gesange und Lobe Gottes den Tod umarmt und einer unter ihnen, wer kann solches begreifen, der selbst in den Flammen sterben sollte, hat seinen halbverbrannten Mitbrüdern die Hand auf das Haupt gelegt, ihnen Mut zugesprochen und sie im Glauben gestärkt. Ein anderer, der die Pein des Feuers geschmeckt hatte und aus den Flammen entwichen war, hat sich auf einen verbrannten Leichnam geworfen, um den Streit, welchen er angefangen hatte, auch ans Ende zu bringen und die Märtyrerkrone zu erlangen.

Dieses wird angeführt aus Thuanus und Cäsar Heisterb., durch D. B. Lydius, welcher, wenn er von dem waldisischen Märtyrer Arnoldus, von dem wir auf das Jahr 1163 Meldung getan haben und einigen, die mit ihm gemartert wurden sind, handelt, so sagt: „Dieser Arnoldus ist, samt neun seiner Jünger, worunter zwei Frauen waren, den 5. August zu Köln bei dem Judenkirchhofe verbrannt worden und hat, ehe er tot war, auf die Häupter seiner halbverbrannten Mitgesellen seine Hände gelegt, sie gesegnet und gesagt: Seid standhaft bei eurem Glauben; denn ihr werdet heute bei Laurentius (dem Märtyrer) sein. Eine von den Frauen, schreibt er, als sie aus Barmherzigkeit dem Feuer entgangen um des Versprechens willen, das ihr gegeben wurden ist, dass man ihr zur Heirat helfen oder sie in ein Kloster bringen wollte, wenn sie Sinn dazu hätte, hat gefragt, wo Arnoldus, welcher daselbst (unter seinen Mitgesellen) als ein Ketzer verbrannt worden ist, läge, und als man ihr seinen Leib, der nun fast verbrannt war, zeigte, ist sie denen, die sie führten, aus den Händen entlaufen und hat sich auf des Arnoldus Leib geworfen, um so auch die Märtyrerkrone zu erlangen. D. Val. Lydius Buch, wo die Kirche gewesen sei vor dem Jahre 1160 oder vor der Waldenser Zeit. Gedruckt 1624, Pag. 59, Col. 1, aus Thuan, Buch 6 der Geschichte. Ferner Cäsar. Heisterb., Dist. 5, Cap. 19.

Wir haben das Obige noch demjenigen hinzugefügt, was wir hierüber im ersten Buche angegeben, obwohl wir von den Personen daselbst geredet haben. Auch könnten wir noch mehr dergleichen Exempel beibringen, wenn dieselben nicht zur Genüge bekannt wären.

Wir wenden uns nun zum zweiten Buche und wollen, wie auch zuvor geschehen, damit beginnen, was die heiligen Märtyrer von Zeit zu Zeit gelitten haben.

Doch wird unsere Arbeit hier bei weitem nicht so schwer sein; gleich einem Wanderer, welcher zuerst unter großen Anstrengungen einen jähen Berg hinaufgestiegen, dann aber allmählich und mit sanften Schritten wieder hinabsteigt, weil uns, so viel die Märtyrer betrifft, die frühere Beschreibung und das gedruckte Exemplar hierbei zu Hilfe kommen werden; deshalb haben wir uns auch vorgenommen, nichts Wesentliches zu verändern, damit wir das gute Werk unserer lieben Brüder, welche hierin vor dem Herrn in Heiligkeit gehandelt haben, nicht verkleinern möchten, ohne wo es (weil wir unsere eigene Beschreibung daran gehängt) höchst nötig sein möchte.

Unterdessen werden wir auch das Folgende mit verschiedenen frommen Zeugen Jesu, wovon man bis jetzt noch keine öffentliche Nachricht gehabt, aus zuverlässigen Quellen und geschriebenen Verhandlungen vermehren und auch ihr Verhör, Todesurteil, Briefe und andere Stücke, welche dieses betreffen, hinzufügen, welche wir zu dem Ende sowohl aus den Händen der Obrigkeit, Blutrichter und Blutschreiber als auch anderer, nicht ohne Mühe und Unkosten erlangt haben.

Dies wird nun die Ordnung des folgenden Werkes sein, von welchem wir wünschen, dass es Gott angenehm, unserem Nächsten erbaulich, uns selbst aber zu unserer eigenen Seele Nutzen und Heil ersprießlich sein möge, durch Jesum Christum, unsern einigen und ewigen Seligmacher, welchem sei Lob und Preis zu ewigen Zeiten, Amen.

Euer sehr zugeneigter in dem Herrn, Thielem. J. van Braght. Dortrecht, im Jahre 1659.

Vorrede an den Leser

Christlicher Leser!

Wir werden dir hier in unserer Anrede nichts Neues oder Ungewöhnliches vortragen, sondern nur dasjenige, was früher ein Freund der heiligen und seligen Märtyrer seinen Zeitgenossen zur allgemeinen Erbauung von dem Glauben und standhaften Tode vieler derselben mitgeteilt hat, ausgenommen einige Reden im Anfange und einiges im Verlaufe, was eigentlich nicht hierher gehört, dem wir auch einige Kennzeichen, um nicht zu irren, beigefügt, welche wir hier ausgelassen haben; was wir von den Unsrigen hinzugefügt, haben wir mit Klammern eingeschlossen, wovon wir, wenn wir gefragt werden sollten, Rechenschaft geben werden.

Nachdem nun der erwähnte Schreiber Verschiedenes denen von Hoorn verwiesen und solches zu Ende gebracht hatte, sagt er von dem standhaften Vertrauen der frommen Bekenner Jesu Christi Folgendes:

Wir haben das Vertrauen, dass alle diese Zeugen in den notwendigen Glaubensartikeln einstimmig gewesen seien; sie haben alle an den einigen, ewigen und wahrhaftigen Gott Vater und seinen eingeborenen Sohn Jesum Christum, unseren Herrn und Seligmacher geglaubt. Ihre Hoffnung ist auf das Opfer des unbefleckten Lammes gerichtet gewesen, auf welches der Vater die Versöhnung unserer Sünden niedergelegt hatte. Sie haben sich selbst übergeben, ja mit dem Taufbunde verpflichtet, diesem Herrn Gehorsam zu sein, der ihnen vom Vater zum Lehrmeister und Gesetzgeber verordnet worden ist, sie haben eine selige Auferstehung und eine herrliche Belohnung erwartet, welche allen denen verheißen worden, welche durch die Gnade des Geistes, ernstlich und standhaft in der Laufbahn der christlichen Berufung dem vorgesetzten Ehrenlohne zueilen. Sie haben ja, welches das Wichtigste ist, mit der Tat bezeugt, daß sie nicht nur einen Mundglauben und eine buchstäbliche Erkenntnis, welche lediglich in des Menschen Hirne wohnt, sondern dass sie auch einen kräftigen und wahrhaftigen Glauben gehalten haben, welcher auch im Herzen und im Gemüte seine Wohnstatt hatte, mit der Liebe beseelt war und durch welchen sie (nach dem Vorbilde der Heiligen, Hebr 11) alles überwunden haben.

Indem er auf das Leiden der Märtyrer übergeht, sagt er Folgendes:

Betrachte einmal das Leiden, welches diese frommen Märtyrer ausgestanden und wie wunderlich Gott mit ihnen zu Werke gegangen sei, wie männlich, standhaft und geduldig sie durch die kräftige und dringende Liebe Gottes gestritten und die Wahrheit dessen, wovon im hohen Liede gesungen wird, befestigt haben, nämlich: Liebe ist stark wie der Tod, und Eifer ist fest wie die Hölle. Denn man sieht hier wie in einem Spiegel, dass diese Ritter weder die angeborene Zuneigung und Liebe zu den Ehegatten, noch die väterliche Gewogenheit und Fürsorge für die Kinder, noch die erwünschte Gesellschaft der vertrauten Freunde, welche ihnen nahe standen, vielweniger alles dasjenige, was Gott zur Belustigung des Menschen in die Geschöpfe gepflanzt, hat bewegen und zurückhalten können, sondern dass sie dieses alles verachtet, sich von Weib und Kindern, Freunden und Verwandten, von Haus und Habe geschieden und sich selbst zu schweren Banden und Gefängnissen, zu allerlei Unglück und Ungemach, zur grausamen Pein und Marter übergeben haben, ohne dass sie auf der einen Seite die Bedrohungen des gewaltsamsten Todes abschrecken, noch auch auf der andern Seite viel schöne Verheißungen bewegen konnten, die heilsame Wahrheit, die Liebe Gottes und die selige Hoffnung zu verlassen; denn sie konnten ohne Scheu mit dem heiligen Apostel sagen: Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst, oder Verfolgung, oder Blöße, oder Fährlichkeit, oder Schwert?Röm 8,35 Sondern sie haben es erfahren und auch erwiesen, wahr zu sein, dass, nach dem Zeugnis des Apostels (Röm 8,38-39), weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, uns möge scheiden von der Liebe Gottes, die da ist in Christo Jesu. Durch diese Liebe haben sie alles überwunden und über menschliches Vermögen herrliche Taten ausgerichtet; schwache Frauen haben sich stärker als Männer erwiesen, Jungfrauen und Jünglinge haben in der Blüte ihrer Jugend durch die Hilfe Gottes die anlockende Welt mit allen ihren schönen und großen Verheißungen verschmähen können; diese jungen und zarten Zweige haben durch Glauben und Geduld die Gewaltigen dieser Welt überwunden, die Einfältigen und Ungelehrten haben die klugen Doktoren beschämt, so dass sie oft vor der Wahrheit verstummt sind und haben mit Bedrohungen des Feuers und des Schwertes disputiert, haben sich damit (doch umsonst) beschützt und eben damit ihre Ohnmacht und Bosheit an den Tag gelegt, Christus hat seine Verheißung (Mt 10,19) nachdrücklich in ihnen erfüllt, welcher seinen Jüngern verheißen hat, dass er ihnen geben wolle, was sie in der Stunde reden sollten, wenn sie vor Könige und Fürsten gebracht werden sollten, Sie haben unter dem Anschauen des Galgens und der Räder, des Feuers und Schwertes die Wahrheit ohne Furcht bekannt, so dass sich die Richter und Ketzermeister bisweilen verwundert, bisweilen erzürnt, bisweilen aber entsetzt haben und erschrocken sind, welche Freimütigkeit die Märtyrer selbst in ihren Briefen gerühmt und Gott dafür gedankt haben, weil sie ihre eigene Schwachheit erkannt und die Kraft Gottes unter dem Kreuze erfahren haben, so dass sie dasjenige mit einem sanften und fröhlichen Gemüte ertragen konnten, vor welchem die menschliche Natur in der Freiheit furchtsam zu fliehen scheint. Ja, sie waren mit einer solchen unermesslichen Freude erfüllt, welche sie durch das unverhinderte Anschauen der himmlischen Herrlichkeit in Glaube und Hoffnung empfangen, dass sie für dieses Scheidemahl keine königliche Mahlzeit erwählt hätten. Sie sind mit einer solchen Kraft ausgerüstet gewesen, dass auch die grausame und unmenschliche Pein an ihnen den Namen ihrer Mitbrüder nicht hat herauspressen können, so dass sie, mit göttlicher und brüderlicher Liebe erfüllt, ihre Leiber für ihre Mitgenossen geopfert haben. Die allgemeine Bruderschaft ist hierdurch mit Eifer und Liebe so sehr entflammt worden, dass ein jeder in Verachtung des Irdischen und in Betrachtung des Himmlischen sein Gemüt zu dem Leiden, welches ihre Brüder betroffen hatte und auch ihnen täglich drohte, zubereitet hat. Sie haben sich nicht gefürchtet, bei ihren Glaubensgenossen zu Herbergen, sie in den Gefängnissen zu besuchen, auf dem Richtplatze ihnen keck zuzurufen und sie mit Worten aus der Schrift zu trösten und zu stärken. Die Tyrannen sind in ihrem Vorhaben betrogen worden; sie meinten diese Christen zum Abfall zu bringen und haben ihnen stattdessen von ihrer Seligkeit Versicherung gegeben; sie vermeinten ihre Widersacher zu vertilgen und auszurotten und haben dadurch im Gegenteile nur mehr Widersacher erweckt; denn es sind viele Leute, die dabei standen und ein so betrübtes Schauspiel ansahen, wie so viele Leute umgebracht wurden, die unschuldig waren und einen guten Namen hatten, ja die lieber in den Tod gehen, als etwas tun wollten, womit sie Gott zu erzürnen glaubten, hierdurch zum Nachdenken, zur Prüfung und endlich gar zur Bekehrung veranlasst worden.

Außer diesen trefflichen Exempeln der Liebe, Geduld und Standhaftigkeit findet man in ihren Schriften viel andächtige Lektionen, erbauliche Lehren und tröstliche Ermahnungen, welche zwar in dunklen Gefängnissen bei Ungemach und schlechten Gerätschaften in Eile und unrein geschrieben, dabei aber mit dem vortrefflichsten Kennzeichen, nämlich mit ihrem eigenen Blute, versiegelt worden sind. Dann erst haben die Worte ihre Kraft und ihren Nachdruck erreicht, wenn die Wahrheit mit der Tat befestigt und bezeugt wird. Seneca in seinen Briefen verweist es als eine schändliche Sache, dass man mit Worten und nicht mit Werken der Weisheit obliege. Hier findet man Worte, welche die Weisheit aufgesetzt hat, welche aus dem innersten Gemüte durch die Presse des Leidens herausgedrückt worden sind, Worte, welche weder durch weltliche Einsichten, noch durch fleischliche Gemütsbewegungen geschwächt oder gebeugt, sondern die am Ende des Lebens, als der letzte Wille der Rechtsinnigen und Aufrichtigen an ihre zugeneigten Freunde, geredet und mit dem Tode befestigt worden sind. Die Männer haben in der Trübsal ihre Weiber getröstet; sie ermahnten sie zur Gottseligkeit und reizten sie zur Standhaftigkeit. Die Eltern gaben ihren Kindern nützliche Ermahnungen, sie stellten ihnen die Unbeständigkeit, Eitelkeit und Vergänglichkeit der sichtbaren Dinge vor Augen; sie haben sie gelehrt, ihnen angeraten und geboten, die Welt mit ihren Lüsten zu verleugnen und Gott, dem Höchsten und einigen Guten, allein anzuhangen und zu dienen. Man merkt hier, wie sie bisweilen mit starken Versuchungen und Anfechtungen nicht allein der bösen Menschen, sondern auch des Teufels bestrickt worden sind, wie sie der Seelenfeind auf des Tempels Spitze geführt und ihnen den Glanz und die Herrlichkeit dieser Welt gezeigt habe, um sie zu seiner Anbetung, zu verführen (Mt 4,5,8); wie er zu Zeiten die Seele durch Kleinmütigkeit und Schrecken vor dem bevorstehenden Leiden bestürmt und wie er sich bemüht habe, die Gemüter durch falsche Einbildungen zum Abfalle und zur Verzweiflung zu bringen, welches die frommen Helden, die sich mit Wachen und beständigem Gebete zu Gott gewaffnet, tapfer überwunden und mitten durch alle Versuchungen, Lockungen und Bedrohungen bis in den Tod sich männlich hindurchgeschlagen und das Feld behalten hatten.

Wie nun das Lesen und Betrachten der frommen Altväter in jeder Hinsicht sehr dienlich ist, so stehen auch diese Personen als lehrreiche und tröstliche Exempel allen denen zum Vorteile da, die mit Kreuz und Anfechtung heimgesucht werden. Hier zeigen sich leuchtende Lichter von lebendigem Glauben (Mt 10,19), gewisser Hoffnung und feuriger Liebe; hier sieht man die Erfüllung der Verheißungen Gottes, in unerschrockenen und fröhlichen Gemütern auch mitten im Leiden (Mt 24,13); hier ist die Standhaftigkeit der Heiligen, welche Christus mit der Seligkeit krönt. Es ist zwar wahr, dass sie von den Weltgesinnten für Auskehricht und Ausfegsel gehalten werden (1Kor 4,13) und dass ihr Tun für Torheit und Narrheit gescholten


wird, nichtsdestoweniger trösten sie sich in Gott und verlassen sich auf seine Verheißungen. Man hat sie gelehrt, dass man so das Kreuz aufnehmen müsse (Mt 10,38), wenn man anders Christi würdig sein will. Sie erkennen sich als Fremdlinge und Pilger in dieser Welt (1Pt 2,11) und erinnern sich an die Worte ihres Meisters, wenn er sagt: Wärt ihr von der Welt, so hätte die Welt das ihre lieb; nun ihr aber von der Welt nicht seid, so hasst euch die Welt.Joh 15,19 Sie hoffen darauf, dass, wenn sie ihr Leben hier verlieren, sie solches nachher wieder finden werden (Mt 10,39); sie glauben auch, dass wir Christi Namen vor den Menschen bekennen müssen, wenn wir wollen, dass er uns vor seinem himmlischen Vater bekennen soll (Mt 10,32). Sie wissen, dass ihr Herr und Meister gelitten und eine Vorschrift gegeben habe, dass wir seinen Tritten nachfolgen sollen, welcher so gesinnt war, dass er nicht wieder schalt (1Pt 2,19), wenn er gescholten ward, nicht dräute, wenn er litt, sondern für seine Feinde gebetet hat. Sie halten dafür, dass, wenn sie mit Christo herrschen wollen, sie auch mit ihm leiden müssen (2Tim 2,11). Sie sind ein Bild der Reden Christi, dass der Knecht nicht besser sei als sein Meister (Mt 10,24; 1Pt 4,4), dass sie daher, weil Christus gelitten hat, sich auch mit demselben Sinne waffnen müssen. Sie halten sich selbst für wehrlose Schafe, die ein Raub der Wölfe sind, welche alles zerreißen. Aber sie fürchten die nicht, welche allein den Leib töten können, sondern den, welcher Seele und Leib in seiner Hand hat (Mt 10,28). Es ist ihnen lange zuvor gesagt worden, dass alle, die gottselig leben wollen, Verfolgung leiden müssen (2Tim 3,12). Christus hat ihnen vorausgesagt, dass sie um seinem Namens willen von allen Menschen gehasst, ja in der Verfolgung überantwortet und getötet werden sollten und, was noch mehr ist, die sie töten würden meinen Gott einen Dienst damit zu tun. Deshalb kommt es ihnen nicht fremd vor, wenn sie durch Leiden versucht werden (1Pt 4,12), sondern sie freuen sich daran, dass sie an dem Leiden Christi Teil haben; denn sie wissen, dass sie in der Erscheinung seiner Herrlichkeit sich mit Ihm freuen werden. Sie rühmen sich der Trübsal (Röm 5,3; 1Pt 1,6) und halten dafür, dass ihr Glaube dadurch geprüft und geläutert werde. Sie erfahren es, dass aus dem Leiden Geduld und eine fröhliche und beständige Hoffnung geboren werde und dass das Kreuz, welches denjenigen, die verloren gehen, eine Torheit ist (1Kor 1,18), ihnen eine Kraft Gottes zur Seligkeit sei und achten es als eine Gnade bei Gott, wenn sie um des Gewissens willen Unrecht leiden (1Pt 2,19). Und obgleich sie hier unterdrückt, verfolgt und darnieder gestoßen werden, so werden sie doch nicht kleinmütig, verzagt oder verdorben (2Kor 4,8), sondern sie tragen beständig mit dem heiligen Paulus das Sterben des Herrn Jesu an ihrem Leibe, damit auch das Leben des Herrn Jesu an ihrem Leibe offenbar werden möge. Sie lehren bei dem Überfluss des Leidens Christi einen überflüssigen Trost durch Christum (2Kor 1,5); sie glauben, dass das Leiden dieser Zeit der zukünftigen Herrlichkeit nicht wert sei (Röm 8,18). Deshalb waffnen sie sich zu den Trübsalen und Leiden als rechtschaffene Kriegshelden ihres Hauptmannes Jesu Christi. Vor sich haben sie eine große Bruderschaft, welche auf diesem Wege ihren Lauf vollendet hat. Kain konnte es nicht ertragen, dass sein Bruder fromm und bei Gott angenehm gewesen, darum tötete er ihn (1Mo 4,8). Gewalt und Beschwernis beherrschte die erste Welt (1Mo 6,13). Der fromme Lot musste den Sodomiten eine Ursache des Spottes und der Wollust sein (1Mo 19), David musste vor Saul fliehen, auch der Prophet Jesaja klagte schon zu seiner Zeit, dass derjenige, welcher vom Bösen abwiche, jedermanns Raub und Spott sein müsse. Viele heilige Propheten und Männer Gottes haben von den Gottlosen Verfolgung und Marter ertragen müssen, wie: Der heilige Zacharias, Amos, Micha, Jeremia, Daniel, die drei Jünglinge, Eleazar, die Mutter mit ihren sieben Söhnen und mehrere andere, welches unnötig ist, zu erzählen, da die Zeit und die Jahrhunderte des neuen Bundes hierzu hinreichende Gelegenheit an die Hand geben. Johannes, der Vorläufer Jesu, musste im Gefängnis seinen Hals dem Schwerte darbieten (Mt 14,10). Unser Hauptmann und Herzog des Glaubens, Christus Jesus, musste durch viel Spott, Schmach und Leiden und endlich durch den schmählichen Tod des Kreuzes in seine Herrlichkeit eingehen; seine Apostel und Jünger sind, wie die Jahrbücher berichten, ihrem Meister nachgefolgt; Petrus und Paulus sind von dem Kaiser Nero umgebracht worden; Jakobus, Johannes Bruder, ist von Herodes mit dem Schwerte getötet worden (Apg 12,2); Matthäus wird in Indien an die Erde genagelt; Bartholomäus geschunden; Andreas gekreuzigt; Thomas mit Spießen durchstochen; Philippus an ein Kreuz genagelt, und dann zu Tode gesteinigt; Simon Zelotes wird gegeißelt und gekreuzigt; Jakobus Alphäi wird zu Jerusalem vom Tempel herabgestürzt und dann mit Prügeln totgeschlagen; Judas Thaddäus wird in Persien von den gottlosen heidnischen Priestern umgebracht; Matthias hat gleichfalls die Märtyrerkrone erlangt; der Evangelist Markus wird durch Alexandrien mit einem Stricke um den Hals geschleift, bis er davon gestorben ist. Der Apostel Johannes, als er in das Eiland Patmos verwiesen ward, hat das Evangelium mit Leiden geziert (wie weitläufig im ersten Buche der Beschreibung der Märtyrer in dem 1. Jahrhundert angeführt worden ist) (Offb 1,9). Dies ist der Weg der heiligen Propheten gewesen; dies ist der Pfad, welchen unser Seligmacher, seine Gesandte und nachher viele Lehrjünger betreten haben, denn Polycarp, Johannes Lehrjünger wurde zu Smyrna lebendig verbrannt; Ignatius, Bischof zu Antiochien, wurde von wilden Tieren zerrissen, wie im 2. Jahrhundert berichtet wird. Selbst die römischen Bischöfe sind in den ersten 300 Jahren fast alle gemartert und mit den gemeinen Christen der Verfolgung der heidnischen Kaiser unterworfen gewesen; doch wollen wir diese Gott befohlen sein lassen. Unter dem Kaiser Diocletian ist eine grausame Verfolgung entstanden, dass es den Anschein hatte, als sollte der christliche Name ganz ausgerottet werden, weshalb man in der ersten Kirche bis zur Zeit des Kaisers Konstantin der Verfolgung so gewohnt war, dass man mit Vorbedacht sich zum Leiden zubereitete.

Nachdem nun die Gottesfürchtigen, die mit dem Kreuze heimgesucht werden, so viele heilige Märtyrer zu Vorfahren haben, ja, dass ihnen das Kreuz vorhergesagt ist und da ihnen solche herrliche Verheißungen auf das Kreuz gegeben worden sind, so ist es ihnen ein Geringes, wenn sie, welche sich Kriegsknechte unter der Blutfahne Jesu nennen, darüber als Törichte verspottet und verlacht werden. Der christliche Leser kann hieraus merken und fest schließen, dass das Kreuz ein Feldzeichen aller derjenigen sei, welche Jesu Christo, dem Herzoge des Glaubens, dienen und folgen und dass dagegen alle diejenigen, welche andern Kreuz und Leiden verursachen, nicht unter diesen, sondern unter einen andern Hauptmann gehören; denn die wahren Christen haben niemals einen unschuldigen Mann verfolgt, sondern sind immer selbst verfolgt worden und es war auch in der ersten Kirche zu Konstantins Zeiten, als die Bischöfe in der Welt sich etwas mehr anfingen hervorzutun und von dem Kaiser beschützt wurden, für ein Gräuel gehalten, jemand zu verfolgen, sondern sie haben selbst die Verfolgung erlitten. Damals war es eine so abscheuliche Sache, jemanden um der Ketzerei willen zu töten oder zu verfolgen, dass auch der Bischof Johannes von der Kirche ausgebannt und abgesondert wurde, weil er dem Tyrannen Maximus Anlass gegeben, den Ketzer Priscillianus zu töten, wie Cäsar Baronius, römischer Kardinal, in seiner Kirchengeschichte über das Jahr 385 sehr deutlich schreibt. Derselbe bezeugt ferner, dass solches durchaus gegen die Sanftmut eines Hirten streite, ferner, dass niemand von den heiligen Vätern es gerühmt habe, wenn eine geistliche Person einen Ketzer zu Tode zu bringen suchte, so dass auch, wie er schreibt, der heilige Martinus mit dem vorgenannten Ithacius oder seinen Anhängern keine Gemeinschaft haben wollte, weil ihre Hände durch des Priscillianus Tod mit Blut besudelt waren und obschon der heilige Martinus um des Tyrannen Maximus Bedrohungen willen sich eine Stunde lang stellte, als ob er mit Ithacius Gemeinschaft hätte, so hat er doch nachher große Reue darüber bezeugt, so dass er fühlte, dass um solcher Verstellung willen ihm die Gabe der Heilung teilweise entzogen worden sei, woraus klar und offenbar zu ersehen ist, wie fälschlich sie sich rühmen, Nachfolger Christi, seiner Apostel und der ersten zu sein, die ihre Hände mit dem Blute der unschuldigen Menschen so grausam besudelt, welche nichts anderes getan hatten, als dass sie nach ihrem Gewissen das Evangelium bekannten und darnach lebten; ja, von welchen die Tyrannen oft selbst Zeugnis gegeben, dass ihr Leben fromm sei, dass sie nicht zu lügen oder gegen ihr Gewissen zu reden pflegten und dass sie nicht um ihrer Missetat willen gefangen seien, sondern weil sie der Mutter der heiligen Kirche und des Kaisers Befehle nicht gehorchen wollten. Es ist aber so weit davon, dass solche die wahre, apostolische Kirche sein sollten, dass auch kein gewisseres Kennzeichen der falschen und gegen Christum streitenden Kirche ist, als das Töten der Ketzer oder derer, die man Ketzer nennt, denn wenn je die Ketzerei etwas Grausames ist, so ist dieses das Allergrausamste. Was ist doch wohl der friedsamen, demütigen und barmherzigen Art Christi, die nicht rachgierig ist, sondern gerne vergibt, mehr zuwider, als wenn man jemanden um seines Glaubens willen verfolgt? Was kann wohl erdacht werden, das mehr mit Christi heiligen Gesetzen und Geboten streitet, welche unter andern hauptsächlich in Liebe, Frieden, Demut, Sanftmut, Niedrigkeit, Barmherzigkeit, Vergebung, Mitleiden bestehen. Sind die Christen dazu berufen, wie sie tun, Hass mit Liebe, Böses mit Gutem, Flucht mit Segen zu vergelten; ja, müssen sie nach der Lehre Christi für diejenigen bitten, die sie unterdrücken und verfolgen; wie ist es dann möglich, dass sie ihr Christentum beleben können und gleichwohl andere Menschen, die ihnen nicht einen Strohhalm in den Weg gelegt haben, zu verfolgen und zu Unterdrücken? Sollte man wohl glauben, dass noch einiger Geschmack und lautere Erkenntnis von Christi Geist und Wort übergeblieben sei, wo eine solche Lehre im Gebrauche, welche Christo schnurstracks zuwider ist? Soll man, nach Christi Zeugnis, die falschen Propheten an ihren Früchten erkennen und beurteilen (Mt 7,15-16), so ist nichts, woran man sie mehr erkennen kann, als wenn sie andere Menschen verfolgen; denn sie geben, wie Christus zu den Pharisäern sagt, über sich selbst Zeugnis, dass sie Kinder derer sind, die die Propheten getötet haben (Mt 23,31) und die das Maß ihrer Väter erfüllen, welche unser Heiland mit Schlangen und Otterngezüchte vergleicht, so der höllischen Verdammnis nicht entrinnen werden. Die Jünger Christi, welche noch auf die Aufrichtung des auswendigen und fleischlichen Jerusalems hofften, fragten ihren Meister, ob sie, nach Elias Exempel, sagen sollten, dass Feuer vom Himmel über diejenigen falle, die ihn nicht annehmen wollten (Luk 9,54), worüber sie Christus ernstlich bestrafte und sagte: Wisst ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, um die Seelen zu verderben, sondern sie selig zu machen. Aber diese Ketzermörder, die sich rühmen, Christi Statthalter und Nachfolger, ja, Meister der Gottesgelehrtheit zu sein, unterstehen sich nicht allein, ohne Christum zu fragen, sondern auch gegen seinen ausdrücklichen Befehl und gegen sein Exempel, das Schwert zu wetzen und ein Feuer anzuzünden, nicht um diejenigen, welche sich weigern, Christum anzunehmen, sondern diejenigen, die bereit sind, bis in den Tod ihm anzuhängen und nachzufolgen, zu ermorden. Hierdurch geben sie aber deutlich zu erkennen, erstlich: dass sie nicht von dem Geiste Christi, sondern des Teufels (welcher ist ein Mörder von jeher) regiert und getrieben werden (Joh 8,44); und zweitens: dass sie nicht kommen wie Christus und seine Nachfolger, um der Menschen Seelen zu erhalten, sondern um sie zu verderben, denn sie töten nicht allein unschuldige Menschen leiblicher Weise und schänden so das Bild, das nach Gott geschaffen ist (1Mo 1,27) und machen sich der Todsünde des Blutvergießens schuldig (1Mo 9,6), sondern (o abscheuliche Tat!) sie unterstehen sich, soviel sie vermögen, den Seelen plötzlich die Zeit der Buße abzuschneiden. Diese Aberwitzigen, weil sie urteilen, dass sie in einem verdammlichen Stande seien, wollen Christum, die vollkommene Weisheit, meistern (Mt 26,52); denn derselbe hat es für gut befunden und hat auch seinen Jüngern befohlen, das Unkraut wachsen zu lassen bis auf den Tag der Ernte, damit sie keinen Weizen mit dem Unkraute ausrotten möchten (Mt 13,29). Diese lehren und tun das Gegenteil; denn sie jäten nicht nur gegen den Befehl Christi das Unkraut, sondern sie schonen auch böse, unkeusche, verschwenderische, prächtige, geizige, lügenhafte, betrügliche, neidische, gehässige und rachgierige Menschen und raufen das reinste Korn aus dem Acker dieser Welt. Sie setzen sich in das Amt des Allerhöchsten (Hes 18,4) und wollen den Menschen, welche nicht unter ihnen, sondern dem Zepter Jesu Christi stehen, gebieten und sie zwingen (Mt 10,28); ja, sie setzen sich nicht allein neben, sondern über die göttliche Majestät und wollen, dass die Menschen ihnen mehr als Gott gehorsam sein sollten. Gott hat befohlen, dass man ihm von ganzem Gemüte dienen soll (5Mo 6,5), und diese verbieten den Menschen, nach ihrem Gemüte zu dienen; ja sie zwingen sie, gegen ihr Gemüt, ihren Gesetzen und Satzungen zu folgen (Mt 21,37). Christus hat mit ermahnenden, beweglichen und bestrafenden Worten das Volk zur Bekehrung gezwungen und beschränkt sich darauf, von denen, die sich über seine Lehre ärgerten, zu sagen: Lasst sie fahren, sie sind blinde Leiter!Mt 15,14 Diese aber zwingen mit Feuer und Schwert, so dass sie alle diejenigen, die mit ihren Kräften die Lehre Christi umarmen und diesen blinden Führern nicht nachfolgen dürfen, dem Scharfrichter überantworten; sie pferchen die Menschen ein, so dass sie ohne Gefahr weder zur Rechten noch zur Linken entweichen können; wenn nun diese gehorsam sind, so fallen sie in die Hand Gottes, bleiben sie aber bei Gott, so können sie der Grausamkeit der Menschen nicht entgehen.

Damit sie nun ihren unchristlichen und wider Gottes Art streitenden Ketzerstrafen einen glimpflichen Anstrich geben möchten, so haben sie diese frommen Leute mit der Unreinigkeit des Ungehorsams besudelt, ihre Hände (zum Scheine) wegen des unschuldigen Blutes gewaschen und die Schuld auf die Befehle gelegt, welche doch durch ihre blutigen Ratschläge und auf ihren Antrieb geschmiedet und täglich bewerkstelligt worden sind. Wer aber hat ihnen Gewalt gegeben, Befehle gegen die Seelen und Gewissen zu machen, um damit im Reiche Christi, wo sie selbst nichts weiter als Untertanen und Lehnsleute sein können, zu herrschen? Wird sie solches entschuldigen? Keineswegs! Die Juden, welche den unschuldigen Jesum zu töten suchten, haben eben auch, wie diese, gesagt: Wir haben ein Gesetz und nach unserem Gesetze muss er sterben.Joh 19,7 Sie wussten oder hätten wohl wissen sollen, dass vor Christi Richterstuhl nicht nach menschlichen Gesetzen, sondern nach dem Worte Gottes geurteilt werden wird. Das Wort, welches ich geredet habe, sagt der Herr, das wird sie richten am jüngsten Tage.Joh 12,48 Und dass deshalb ein jeder notwendig mehr an Christi Gesetz, als an ihre Gesetze und Befehle gebunden sei, ja, wegen dieser Befehle werden sie vor dem Richterstuhle Rechenschaft geben müssen und dass diese Befehle, wodurch sie andere unschuldig und mit Unrecht zum Tode verurteilt haben, ihre Strafe mit Recht vermehren werden. Was wollen sie zur Entschuldigung vorwenden, wenn von ihnen Rechenschaft abgefordert werden wird, warum sie so blutdürstig über die Seelen tyrannisieren? Warum sie Christus das Zepter aus der Hand und seinen Stuhl eingenommen? Warum sie sich in demselben Reiche zu Meistern gemacht, wo sie doch notwendig als Knechte von ihrem Tun und Lassen hätten Rechenschaft geben sollen? Warum sie so grausam als böse Knechte, ihre Mitknechte misshandelt und geschlagen haben (Mt 24,49), da er sie gleichwohl zuvor gewarnt und ihnen gedroht hat, dass er sie zerschmettern und ihnen ihren Lohn mit den Heuchlern geben werde, wo Heulen und Zähneklappen sein wird (Mt 24,51)? Warum sie nicht daran gedacht haben, dass ein unbarmherziges Urteil über alle diejenigen, die nicht Barmherzigkeit geübt haben, ergehen soll (Jak 2,13); ja, welch ein Schrecken, ängstliches Anklagen und Flehen wird entstehen, wenn diejenigen zur Überführung ihrer Bosheit, zum Vorscheine kommen werden, die sie mit Ketten gefesselt, geschlagen, getötet und gemartert, die sie damals für töricht und unsinnig gehalten haben, welche nun bei Gott so herrlich und hochgeachtet sind.

An jenem Tage, wenn alles Verborgene ans Tageslicht kommen wird, werden solche nichtige und kahle Ausflüchte nichts helfen. Deshalb ist es nun Zeit zu überlegen, wie unchristlich es sei Christen zu verfolgen; wie es eine Todsünde sei, unschuldiges Blut zu vergießen; wie strafbar es sei, das Bild Gottes zu schänden; wie verkehrt und nichtig es sei, die geistige Wahrheit mit fleischlichen Waffen zu bekriegen; wie unnatürlich und unrecht es sei, einem andern zu tun, das man nicht will, dass es einem selbst getan werde; wer wollte es aber gerne haben, dass sein Gemüt gezwungen würde; wie verwegen es sei, auf den Stuhl Gottes zu treten und über das Gemüt herrschen zu wollen, wahrend Christus befohlen hat, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist (Mt 22,21; Lk 20,25; 1Pt 2,17). Sie sollten betrachten, dass Christus für seine Verfolger gebetet habe und daraus lernen, wie ungereimt es sei, dass die, welche Christen sein wollen, diejenigen, die für sie bitten, verfolgen wollen. Sie sollten überlegen, welch ein großes Übel es sei, jemandes Gemüt mit der Furcht des Feuers, Galgens und Schwertes zu zwingen, während Paulus so scharf verbietet, das schwache Gewissen der Brüder zu verletzen (Röm 14,15). Sie sollten bedenken, weil der Apostel keine höhere Strafe der Ketzer bestellt, als die Meidung (Tit 3,10), dass sie auch keine höhere gebrauchen sollten oder möchten. Ja, wenn sie sich selbst wohl prüfen würden, so würden sie mit dem Urteile nicht so eilen, sondern sich zurückhalten, weil uns Christus angekündigt, dass uns mit dem Maße, womit wir messen, wieder gemessen werden sollte (Mt 7,2). Sie würden sich fürchten, wenn sie anders sich selbst (sage ich) recht erkennen würden, sich selbst in einer andern Person zu verurteilen, weil es leicht sein könnte, dass der, welcher urteilt, vor Gott ebenso strafbar sein möchte, als derjenige, welcher verurteilt wird.

Ferner führen sie Zur Verteidigung oder vielmehr Beschönigung der Ketzerstrafe folgende Ursachen an: Erstens, um sie dadurch zu bekehren und zu zwingen. Zweitens, dass sich ihre Ketzerei nicht fortpflanzen und  andere verunreinigen möge.

Drittens, um dem Aufruhr vorzubeugen. Was das erste betrifft, so ist ein jeder Mensch schuldig, seines Nächsten Heil, so viel es möglich ist, zu befördern; wie aber soll solches geschehen? Durch auswendigen Zwang mit Feuer und Schwert? Solches ist unmöglich, dieses betrifft zwar wohl die Leiber, nicht aber die Gemüter, welche nicht gezwungen, sondern geführt und unterwiesen werden müssen. Das Wort Gottes ist das Schwert, womit alle Irrtümer und Ketzerei gefällt werden müssen; wenn man mit der Kraft der Wahrheit den vermeinten Irrtum nicht überwinden kann, so werden auch wohl die Schwerter stumpf bleiben. Und obgleich es geschehen möchte, dass jemand um der Pein willen, seine Lehre mit dem Munde verleugnen würde, so würde er doch solches mit dem Herzen nicht tun und auf solche Weise würden statt belehrter Christen verstellte Heuchler gemacht werden; wenn aber jemand standhaft bleibt und man tötet ihn, wie kann ihm solches zur Bekehrung dienen, indem man ihm alle Mittel der Bekehrung raubt? Denn eines von beiden ist gewiss, ist er ein verdammlicher Ketzer, so stürzt man ihn hinunter in die Hölle; ist er nicht ein solcher, so tötet man einen frommen Christen; welches von beiden man nun auch erwählt, so wird eine abscheuliche Missetat begangen. Was ist es nun, das sie anspornt, jemandes Bekehrung auf solche Weise zu befördern? Was verbindet sie dazu? Wer gibt ihnen das Recht, wer rät es ihnen, ja, wer hat ihnen solches erlaubt? Und welcher von den Aposteln ist ihnen so vorangegangen: In der Tat, solche Gründe sind nur Feigenblätter und Decken, worunter sie ihre Schande und Bosheit zu verbergen suchen. Sie geben vor, dass sie die Bekehrung der Menschen zum Endzwecke haben, aber in der Tat suchen sie ihren Mutwillen, ihre Ehre und Wollust festzusetzen, um dadurch in dem Reiche Gottes, ohne jemandes Widerrede, mit Gewalt zu herrschen. So weit ist es gefehlt, dass sie jemandes Bekehrung dadurch befördern sollten, dass sie im Gegenteile alle unparteiischen Menschen verabscheuen, so dass auch das Gute, wenn noch etwas an den Verfolgern übrig geblieben ist oder sein kann, durch die Verfolgung verdächtig gemacht oder wohl gar vertilgt wird, denn ihre Worte, wie sie auch flehen und schmeicheln, erlangen und verdienen weder Eingang noch Glauben. Denn wer sollte wohl eine göttliche und christliche Lehre von denen erwarten, welche mit Mörderei schwanger gehen, deren Hände mit unschuldigem Blut gefärbt sind? Kann man auch Trauben von den Dornen lesen (Mt 7,16)?

Was das Zweite betrifft, so wird durch die Tyrannei die vermeinte Ketzerei weniger ausgerottet als verbreitet, denn wenn man an Menschen, die ein frommes untadelhaftes Leben führen, Hand anlegt, dieselben gefangen legt, sie peinigt und auf eine schmerzhafte Weise tötet, nur um des Namens Christi willen und weil sie gegen ihr Gewissen (wie sie öffentlich bekennen) nichts einwilligen dürfen, so wird dadurch nur Nachdenken und Aufmerksamkeit bei allen unparteiischen Gemütern erweckt, welche, wenn sie der Sache nachspüren, die Unschuld der angeklagten und verfolgten Personen ausfinden und dadurch vor solchen ausgearteten Christen, die andere verfolgten, einen Abscheu bekommen und sich in weiterer Folge zu der Gesellschaft derer wenden werden, welche Christi Kreuz so tapfer tragen; wovon so viele Beispiele vorhanden sind. Hieraus erhellt denn die Wahrheit dessen, was jener Altvater sagte: Dass das Blut der Märtyrer ein Same der Kirche sei. Als die Tyrannei im Papsttum aufs Höchste gestiegen war, sind auch die Menschen am häufigsten davon abgefallen, denn die Martertümer sind tätliche Predigten, die das Herz treffen und die Augen der Schlafenden öffnen und solches ist auch natürlich, denn wer nur ein wenig Erkenntnis von der christlichen Religion hat und durch verhasste Parteilichkeit nicht ganz verblendet ist, kann leicht glauben, dass die Verfolger selbst Ketzer sein müssen, weil weder Christus noch seine Jünger jemals verfolgt, sondern die Verfolgung stets selbst erlitten haben. Sie merken es gar leicht, dass diese grausamen Menschen nicht unschuldige, sanftmütige und wehrlose Schäflein (womit Christus die Seinen vergleicht) (Joh 10,3), sondern vielmehr reißende Wölfe sind, die in Christi Schafstall hineingeschlüpft sind und die Schafe zerreißen. Die lautere und reine Wahrheit, welche durch ein unschuldiges Leben bekräftigt wird, ist das einzige Mittel, Irrtum und Lüge zu überwinden; diejenigen, welche hiervon abweichen und auf fleischliche Waffen fallen, verraten sich selbst und geben ihre Unbilligkeit und Ohnmacht zu erkennen, denn obgleich sie gegen die Wahrheit nichts vermögen, so trachten sie doch, indem sie die Personen dämpfen und ausrotten. Aus diesem allem erhellt, welche kahle Entschuldigung sie vorbringen, um ihre Tyrannei zu verteidigen und wie schwach die Waffen seien, womit sie diese Verführung zu unterstützen suchen. Aber es ist nichts als eine erdichtete Entschuldigung, womit sie ihr Vorhaben zu beschönigen suchen und den widerwärtigen Eindruck, welchen die Grausamkeit in jedem hervorbringt, zu bemänteln und den Betrug angenehm zu machen. Sie kommen verstellter Weise, als ob sie für die Wohlfahrt des Volkes eiferten; in der Tat suchen sie ihr eigenes Lügenreich auszubreiten und wenn sich etwas dagegen auflehnt, so suchen sie solches mit dem fleischlichen Arme zu überwältigen. Zur Zeit Christi haben die Pharisäer ihm auch die Schuld beigelegt, dass er das Volk verführe (Lk 23,2). Ihre Eigenliebe und Herrschsucht hat in ihnen einen bittern Hass und Neid gegen unsern Seligmacher erweckt, so dass sie ihn auch zu töten suchten. Dieses beschönigen sie, hiervon schweigen sie. Sie rufen, gleichsam wie von göttlichem Eifer beseelt: Dieser verführt das Volk! Wiewohl sie selbst, wie auch jene, das Volk von Christo zu ihren eigenen Lügen zu verführen suchten.

Was die Beschuldigung wegen des Aufruhrs betrifft, so ist auch solche weder gestern noch heute geschmiedet worden; dieser (nämlich Christus, sagten die Pharisäer) erweckt mit seiner Lehre einen Aufruhr unter dem Volke,Lk 23,5 während sie doch nachher selbst das Volk zum Aufruhr gegen Christum erregten, welcher ja nichts anderes als Friede, Liebe, Demut, Sanftmut und dergleichen predigte und dessen Leben und Taten nichts anderes waren, als ein überfließender Brunnen aller Barmherzigkeit, Wohltat und Güte. Ebenso haben sie auch Menschen, welche in aller Einfalt und Aufrichtigkeit lebten und die ihr Bekenntnis öffentlich dahin taten, dass sie nach dem Gesetze und Vorbilde Christi verbunden seien, sich gegen jeden persönlich und ohne Rache zu bezeugen, ja, diejenigen zu lieben, welche sie hassen und ihren Feinden Gutes zu tun, gleichfalls mit dem Laster des Aufruhrs besudelt, obschon hiervon nicht das geringste Kennzeichen vorlag. Wer die Geschichte in den letzten sechzig Jahren in den Niederlanden und Deutschland erforscht, wird wohl finden, dass Aufruhr, Streit und Zwietracht, ja Trennungen und Zerstörungen von Ländern und Städten herbeigeführt sind, in Folge von Religionsstreitigkeiten; denn der Religionseiferer kann weder durch das Schwert abgeschnitten, noch durch das Feuer verzehrt werden. Im Gegenteil ist es bekannt und wird heutzutage durch die Erfahrung bestätigt, dass viele und verschiedene Religionsparteien friedsam und in Ruhe beisammen wohnen können und dass Städte und Länder, wo Gewissensfreiheit gehandhabt wird, geblüht und einen reichen Segen Gottes empfunden haben. Deshalb haben auch die mächtigen Staaten der Vereinigten Niederlande, nachdem sie den großen Missgriff des Königs von Spanien gesehen, niemals seinen Fußstapfen nachfolgen wollen, sondern haben ausdrücklich gesagt (wie aus den Akten der Friedensverhandlungen zu Köln hervorgeht), dass die Religion nicht die Menschen, sondern Gott angehe und dass sowohl der König als die Untertanen derselben unterworfen sei. Sie bezeugen, dass sie es aus der Erfahrung erlernt haben, dass Gewalt und Waffen zur Erhaltung und Ausbreitung der Religion wenig beitragen und dass es nicht ihr Wille sei, dass man ihren Gewissen Gewalt antue, dass es gleichwohl mit dem Gesetze Gottes nicht übereinkomme, dem Gewissen irgendeines andern Menschen Gewalt anzutun; und Pag. 57: Wir haben gelernt, dass das Regiment der Seele und des Gewissens Gott allein zugehöre und dass er allein der wahrhaftige Rächer der verwundeten und geschändeten Religion sei. Und obwohl einige, die ihr eigenes oder ihrer Vorfahren Kreuz vergessen hatten, zu der ausgerotteten Sklaverei wieder Lust bekamen, so haben doch Ihro Hochmögende hierzu ihnen kein günstiges Ohr leihen oder ihre Hände gebrauchen lassen wollen, um die Blindheit der Ratschlüsse solcher parteiischen und schädlichen Ratsleute zu befördern, die dadurch mehr ihr eigenes, als das Reich Christi, aufzubauen und zu befestigen suchten. Aber wir haben heutzutage durch die Gütigkeit Gottes solche Obrigkeiten, unter deren Schutz wir ein ruhiges und stilles Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit führen können; wir können ungehindert zusammen kommen und uns versammeln, Gottes Wort predigen und hören, die Sakramente nach der Einsetzung Gottes gebrauchen und unsern Gottesdienst öffentlich ausüben. Wegen solcher großen Wohltat sind alle Untertanen und Christgläubige ihren hohen und niedern Obrigkeiten aufs Höchste verpflichtet, denselben alle Dankbarkeit ehrerbietig zu erweisen, ihnen getreulich zu gehorchen, Zoll und Schätzung aufrichtig zu bezahlen, und Gott für die Wohlfahrt ihrer Personen und ihrer Regierung mit Ernst und beständig zu bitten, damit diese Gnade von uns auf unsere Kinder und Nachkömmlinge kommen möge. Wir müssen auch dem Herrn aufs Höchste dankbar dafür sein und seinen Namen mit einem heiligen Leben verherrlichen und beständig trachten, mehr und mehr Tugend aus unserm Glauben zu erwerben und mit guten Werken in der verfinsterten Welt zu leuchten. Wir müssen uns wohl vorsehen, dass wir diese Gnadenzeit nicht versäumen oder missbrauchen, denn wenn wir dieselbe übel anwenden und uns der Freiheit zur Sünde bedienen, so wird es uns sicherlich wie den Kindern Israels ergehen, welche, als sie fett, dick und stark wurden, von Gott abgewichen und deshalb wieder mit Angst und Elend beladen worden sind, bis sie die Not gezwungen hat, Gott zu suchen. O wie viele sind ihrer (wie zu besorgen ist), welche mit Demas die Welt wieder lieb gewonnen haben! Wie viele sind derer, welche den ersten Eifer und die Liebe verlassen haben und in ihren Gottesdienstlichkeiten kalt und träge geworden sind. In den früheren Zeiten, namentlich in den Zeiten des Kreuzes, wo man mit Lebensgefahr zusammenkommen musste, trieb uns der Eifer, bei Nacht und zur Unzeit, in Winkeln, Feldern und Büschen zusammen zu kommen. Wie köstlich war damals eine Stunde, die man dazu verwenden konnte, einander in Gottseligkeit aufzumuntern und zu befestigen. Wie dürsteten und hungerten damals die Seelen nach der göttlichen Speise. Welch einen angenehmen Geschmack hatten damals die Worte der Gottseligkeit! Man fragte nach keinen künstlichen und ausgezierten Predigten, sondern der Hunger zehrte alles auf, wie er es fand. Damals wurde der Seelenschatz beherzigt, denn die Güter des Leibes konnten wenig Trost geben. Damals suchte man vor allen Dingen himmlischen Reichtum, denn was man an irdischen Dingen besaß, darin war man sehr unsicher. Wie aber geht es jetzt? Die zeitlichen


Übungen haben durchgängig den Vorzug; man muss zuerst die Ochsen probieren und den Acker besichtigen, ehe man zur himmlischen Hochzeit kommen kann. Die Einfalt ist in Pracht und Gepränge verwandelt; die Güter haben sich vermehrt, aber die Seele ist arm geworden. Die Kleider sind köstlich geworden, aber der inwendige Zierrat ist vergangen.

Die Liebe ist erkaltet und hat abgenommen, die Streitigkeiten dagegen haben zugenommen. Meint ihr, dass Gott solches stets eben geduldig ansehen werde? Hat er Israel nicht verschont, als es von ihm wich und David nicht freigelassen, als er sich durch Fleischeslust versündigte, hat er Salomo nicht verschont, als er seine Augen auf fremde Weiber wandte und mit ihnen in Abgötterei verfiel und sollte er nun diejenigen verschonen, welche durch die Liebe zur Welt und Ausübung der Sünden von Ihm abgewichen sind? Er hat ja oft Israel einem Tyrannen nach dem andern unterworfen, damit sie Ihn erkennen lernen und sich bessern sollten. Er hat sie als ein Vater gezüchtigt, damit sie ihm nicht mehr, wie zu Elias Zeiten, mit halbem Herzen, sondern allein dienen möchten. Er hat Amasa, den König Juda in die Hände seiner Feinde gegeben, weil er Gott nicht von ganzem Herzen diente. Prüfe nun einmal, wie dein Gemüt bestellt sei; ob dein Herz nicht zerteilt sei; ob du dich nicht bemühst, Christo und der Welt zugleich zu dienen, wie kaltsinnig du Gottes Wort hörst und betrachtest, weil deine Gedanken in der irdischen Eitelkeit verwickelt sind; wie sparsam und träge die Werke der Gottseligkeit ausgeübt und wie emsig und eifrig du seiest, Geld und Gut zusammen zu schrappen und dich in Wollüsten zu weiden. Es ist wahr, du hast zwar die hölzernen und stummen Bilder hinweggeworfen, aber prüfe dich einmal, ob der Abgott der Reichtümer und des Geizes in deinem Herzen nicht aufgerichtet sei. Durchpflüge einmal den tiefsten Grund deines Innern und prüfe, wohin deine Neigungen und Begierden gehen, ob sie hier mit wenigem sich begnügen, ob sie die Wolken durchdringen und im Himmel ihren Wandel haben oder ob sie mit einer unersättlichen Begierde die Erde durchwühlen, deinen Reichtum zu vermehren suchen und ein Haus und Hof an das andere ziehen; ob Christus im Himmel dein höchster Schatz sei, oder ob er hierunter ist, vor welchem Christus seine Jünger so ernstlich warnt. Willst du hiervon eine Probe haben, so betrachte in allen Begebenheiten mit Andacht deinen Endzweck und deine Gedanken; erwäge einmal, wie sehr du in deinen Reichtum verliebt seiest, welches große Vertrauen du darauf gesetzt habest; wie sehr du mit heidnischer Sorgfalt um das Zukünftige bekümmert seiest; wie bange und mutlos du seiest, wenn dir mit bösen Zeiten und Unglück gedroht wird und wie sicher du lebst, wenn es glücklich von statten geht; wie träge und engherzig dich die Liebe zu deinen Gütern macht, wenn du Almosen austeilst; wie viel Streitigkeiten und Gerichtshändel du lieber führen, als von deinem Rechte abstehen und Schaden leiden willst; wie bald deine Freude und Nachtruhe dir benommen werden, wenn dich Verlust und Unglück treffen; wie viel Zeit dir die irdischen Betrachtungen von deinen gottesdienstlichen Übungen benehmen; wie kaltsinnig und geistlos sie dich im Gebete zurückziehen; wie tief dich der Überfluss deiner Schätze in die Wollust versenke; wie sehr du dir selbst hierin gefällst und dich über andere erhebst; endlich, wie schmerzlich es dir fallen wird, davon zu scheiden und mit welchen betrübten Abschiede du sie auf dem Sterbebette verlassen müssest. Laß dir (sag ich), dieses zur Prüfung dienen und untersuche dich selbst, so wirst du bald finden, wem du am meisten dienst und anhängst und wie viel oder wenig du das Fleisch mit seinen Lüsten und Begierden gekreuzigt habest, denn obwohl die auswendigen Verfolgungen sämtlich


aufhören, so ist doch e:n jeder Christ zum Streiten und Leiden berufen, es muss ein jeder von denen, die Christo nachfolgen, sein Kreuz auf sich nehmen; es muss ein jeder nicht nach dem Fleische, sondern nach dem Geiste leben; ein jeder muss am Fleische leiden, damit er zu sündigen aufhöre. Findest du, dass die freie Zeit deinen Lüsten Freiheit und Raum gegeben habe, so verfolge dich selbst, kreuzige und töte dich selbst und opfere Gott Seele und Leib auf. In den Zeiten der Verfolgung hat man in Worten und Unterredungen erbauliche Lehren gegeben, zur Gottseligkeit aufgemuntert, den Namen Gottes verherrlicht, einander im Leiden getröstet, ermahnt und zur Standhaftigkeit angereizt und die ewige Seligkeit angepriesen; forsche einmal nach, ob du in dieser Zeit deine Zunge nicht gebraucht habest, um leichtfertigen Weltmenschen mit eitlem und unnützem Geschwätze zu gefallen; ob du dadurch die Gottseligkeit nicht allein nicht befördert habest, sondern auch derselben hinderlich und nachteilig gewesen seiest, ob du deines Nächsten guten Namen und Unschuld nicht geschmäht habest und ob deine Zunge durch erlogenen Betrug dem Geize nicht zu Diensten gewesen sei. In den Zeiten des Kreuzes hat man damit die Zeit zugebracht, dass man sich in göttlichen Dingen geübt, einander getröstet und erbaut, Gefangene besucht, mit andächtigen Betrachtungen sich zum Leiden zubereitet.

Überlege nun einmal, wozu du die kostbare Zeit anwendest, wie viel du davon in Wollust und Eitelkeit verschwendet, wie viel du durch Streit und Zank verspielt habest und wie viel durch unnötigen Kummer und Arbeit verloren gegangen, wie wenig dem Gottesdienste übrig geblieben sei. Sicherlich wirst du finden, dass der Mangel der Zuchtrute die Menschen ruchlos und verächtlich gemacht habe und dass Fleischeslust, Augenlust und Hochmut des Lebens statt der Gottesfurcht und Niedrigkeit aufgekommen seien. Aber das Gefährlichste unter allen ist, dass wenige sich selbst untersuchen, wenige über sich selbst seufzen. Viele sind ohne ihr Wissen arm, nackend und blind, welche mit denen von Laodicäa meinen, dass sie reich seien und alles im Überfluss haben, aber es ist ein Reichtum, der Gott nicht gefällt und wodurch der geistige Reichtum, welcher in Glaube und Liebe, einer lebendigen Hoffnung und einem guten Gewissen besteht, verzehrt wird. Sieh hier in den Schriften der Märtyrer, wie ihr Leben und Leiden beschaffen sei und wie standhaft sie gewesen seien. Gott wollte, dass die Kinder Israel die Wege ihrer Voreltern und die Lehre der Weisheit, die darin verborgen war, betrachten sollten; denn sie wurden alle, die früheren sowohl als die späteren, für einen Leib gerechnet. Oft wurde durch die Propheten gesagt: Ich habe dich aus Ägypten geführt, obwohl solches ihren Voreltern widerfahren war. Durchforsche deine Wege und vergleiche sie mit den ihrigen und sehe, ob die Weltliebe deine Augen nicht verblendet und von Gott abgezogen habe. Viele, als sie sich der Welt nicht bedienen konnten, wandten sich aus Not zu Gott, als zu ihrer nächsten Zuflucht; aber da man wieder ein wenig Luft schöpfte, fing man wieder an, sich nach der Welt zu lenken; die Eltern wurden reich, die Kinder eitel und wollüstig, die Welt liebkoste sie, auch wurden


sie mit der Zeit angesehen und hervorgezogen; die Schmach des Kreuzes verlor sich und die Ehre der Welt kam stattdessen auf. Und dieses ist die Ursache in der ersten Kirche gewesen, warum Gott eine grausame Verfolgung zur Zeit des Kaisers Diocletian entstehen ließ, damit dadurch seine Kinder gezüchtigt werden möchten, die nun wieder anfingen, sich mit der gemeinen Welt einzulassen. Darum müssen wir uns auch dergleichen nicht schuldig machen, damit nicht über uns komme, was jenen widerfahren ist. Denn in solchen Zeiten hat es niemand härter, als derjenige, welcher seine Zeit nicht wohl angewendet hat; über denselben wird dann Wehe, Jammer und Elend kommen; denen aber, die Gott lieben, dienen alle Dinge zum Besten; sie werden in solchem Läuterungsfeuer gereinigt und probiert; darum ist es nötig, dass Gott zu Zeiten seine Tenne mit der Wanne reinige, damit das Unkraut zu deren Verderben nicht die Oberhand nehme. Aber wir müssen allein die Güte Gottes anrufen, damit er uns väterlich züchtige und durch seine Lehre ziehe, auch unsere Herzen und Sinne zu ihm gerichtet sein lassen wolle, damit wir ein göttliches und heiliges Leben führen mögen, in aller Liebe, Friedfertigkeit, Freundlichkeit und Barmherzigkeit; nicht bald über einander klagen oder murren, sondern in Geduld einer des andern Mängel ertragen und dieselben durch guten Unterricht verbessern; jedes Ärgernis, jeden Streit, jeden Zwiespalt, Trennungen, Sekten und was unleidlichen und verdammlichen Streit erregt, fliehen und meiden; nach Frieden streben, was zerbrochen und zerfallen, was zerrissen und durch des Teufels List und blinden Unverstand zertrennt ist und zu großem Ärgernisse und Anstoß vieler in verschiedene Haufen zerstreut ist, wieder zu heilen und zur Einigkeit, Ruhe und Frieden zu bringen suchen; wenn wir dieses tun, so werden wir Ursache geben, dass Gott wird mit seinem Segen bei uns wohnen.

Unterdessen lasst uns Gott beständig anhangen, stets um Vermehrung der Weisheit und göttlichen Erkenntnis bitten, und durch Geduld in dem Kampfe laufen, der uns verordnet ist und auf Jesum sehen, den Anfänger und Vollender des Glaubens; denn derjenige Streit liegt uns noch jetzt allen ob, den David zu seiner Zeit hatte, den Hiob hatte, den alle Propheten hatten, den Christus und seine Apostel nebst allen frommen Nachfolgern in der ersten Kirche hatten, gleichwie auch vor und in unserer Zeit. Sie haben alle die Welt überwinden müssen, so auch wir; sie haben alle sich selbst verleugnen müssen, so auch wir; es ist einerlei Krone zu gewinnen und ein einiges Reich zu ererben. Die Zeiten sind auch alle gleich, das ungleiche Leben aber macht sie ungleich; aber zuletzt muss doch jede Ungleichheit in der Gleichheit Gottes zerschmelzen. Damit nun Christus die Seinen dieser Gleichheit und Einigkeit teilhaftig machen möge, hat er gebetet, dass sie in ihm und dem Vater eins sein möchten. Dessen haben sich auch die Apostel allein beflissen; hierzu, als zu dem ewigen und höchsten Schatze, haben sie einen jeden angemahnt: Denn in Christo gilt weder Beschneidung noch Vorhaut etwas, sondern eine neue Kreatur, und wieviel nach dieser Regel einhergehen, über die sei Friede und über dem Israel Gottes, Amen.


Geschrieben aus Liebe zur Erbauung und Besserung.

Über die heiligen Märtyrer des neuen Bundes

An alle zugeneigten Taufgesinnten und wehrlose Christen.

Rechtgläubige, die ihr, dem Lamme nachzugehen,
In Herzensniedrigkeit und Demut euch verpflicht't,
Die ihr auf Golgatha, wo viele Dornen stehen,
Zur Zeit der Angst und Not den Wandel habt gericht't;
Steht still und schauet an des Jammers Eiterschwären,
Wie vieles Ach und Weh es einem Christen bringt,
Wenn seine Seele sich zu Christo sucht zu kehren,
Und durch des Glaubens Kraft in's ew'ge Leben dringt.
Seht eure Brüder an, die hin und wieder wandern,
Um Christi teuern Nam', mit Kummer, Angst und Pein.
Sie irren in der Wüst' von einen Ort zum andern.
Als die von Weib und Kindern ganz verlassen sein.
Seht, wie sie nirgendswo, als Landsverwies'ne wohnen,
Dieweil das Bürgerrecht man ihnen abgesagt,
Auch sie mit Feuer, Rad und Galgen sucht zu lohnen,
Und was zu ihrem Tod der Feind je hat erdacht.
Doch lasset darum nicht der Liebe Feuer dämpfen,
Obschon viel Kreuz und Schmach aus Norden wird erregt.
Man sollte desto mehr um's ewige Leben kämpfen.
Und dem vertrauen, der uns unterstützt und trägt.
Denn wie die Lilien und Rosen öfters grünen,
Wenn sie mit Dornen sind umgeben allzumal,
So muß es gleicher Weis' den Auserwählten dienen.
Wenn sie beleget sind mit Schmerzen ohne Zahl.
Und ob ein Weib auch würd' so ganz und gar erkalten.
Daß sie vergäße gar ihr Kind und ein'gen Sohn,
So wird uns gleichwohl Gott bei seiner Treu erhalten.
Denn Er ist unser Lohn und Schatz und Ehrenkron'.
Denn was hier herrlich heißt und ist von großer Würde,
Ja, selbst das Beste, was ein Mensch hier haben mag.
Sanftmütige! ist dem zur Last und schweren Bürde,
Der hier der Tugend Bahn von Herzen folget nach.
Auch selbst der Sohn, den Gott von Ewigkeit ersehen.
Daß Er ein Erbe sei und Herr der ganzen Welt,
Mußt', mit viel Schmach bekleid't, mit Dorn' gekrönet, gehen,
Und ward von seinem Volk zum Schauspiel dargestellt.
Er selbst ging vor euch her und hat sehr viel erlitten,
Ja, hat geschmeckt am Kreuz den sehr verfluchten Tod,
D'rum folgt im Marterweg getreulich Seinen Tritten
Und achtet nur gering das Leiden, Druck und Not,
Denn wenn ihr werdet hier als Helden überwinden,
Die Schmach der eiteln Welt, samt ihrer Sünd' und Lust,
So wird man endlich euch bei der Gesellschaft finden,
Der nichts als Freude ist und Seligkeit bewußt.
Wenn Gott sie insgesamt mit vielen Siegesfreuden,
Mit Reichtum, Pracht, und Ehr' und großer Herrlichkeit,
Wird in das Himmelszelt zur sel'gen Ruh' Anleiten,
Woselbsten ihnen ist der Gnadenlohn bereit't.
Weil sie sich insgesamt der eitlen Welt entzogen,
Und ihren Glauben selbst versiegelt mit dem Blut.
Dies ist der feste Grund, hier werd't ihr nicht betrogen,
Es folgt darauf gewiß das ewig bleibend Gut,
Darum lehr' uns, o Herr! uns stets und fleißig üben.
Nach deinem neuen Bund in deiner reinen Lehr',
Daß wir bis in den Tod dich unverändert lieben,
Und uns die kurze Freud des Lebens nicht betör'.
Denn was ist Wohl so schwer, als ewig sein geschieden
Von Dir und Deiner Gunst und Deinem Gnadenthron.
D'rum stärk' inwendig uns, vermehre unsern Frieden,
Mach' unsern Glauben stark, sei unser Schild und Lohn.
Behüte auch dabei vor dunkeln Trauerzeiten
Die Hochvermögenden vom freien Niederlande
Die da der Höllen Wut und auch der Christen Leiden
Nicht dulden, reiche uns doch Deine Friedenshand,
Damit wir alle doch, als wahre Christenreben,
Der Freiheit edle Frucht hier unter ihrer Hand
Genießen, und dabei Dir Preis und Ehre geben,
Damit Dein herrlich Reich an uns werd' recht erkannt.
Was ich begehre, ist nicht sterblich.

Sonnet
Als Zions Mauern dort im Staub und Asche lagen,
Uns Israels Geschlecht, das doch schon früher war,
Dem besten Golde gleich, durchläutert, hell und klar,
Im Blut sich wälzete, vom Feind sehr hart geschlagen,
Hat Jeremias bald dies alles Wohl erwogen (Klagl. 1,1);
Das Trauern samt der Reu' hat sein Gebein bewegt,
Daß er mit Tränen sich in Staub und Asch' gelegt,
Weil ihre Feinde so das ganze Land durchzogen.
Friedliebende, auf die dies blut'ge Schauspiel zielt,
Das in der Kirche man zuvor hat oft gespielt;
Wer wollte nicht zum Herrn mit Herz und Händen flehen;
Ach, laß die dunkle Wölk' doch bald vorüber gehen.
Doch wird der Christen Glaub' und Hoffnung hier erkannt,
Wenn's Herz bleibt unverzagt im Würgen, Mord und Brand.

Der Gerechte wird seines Glaubens leben.

Sonnet
An meinen Bruder Thielem. J. von Braght

Gleichwie dort David, als von obenher getrieben,
Da Zion war bedeckt mit einer Todesnacht,
Sein Saitenspiel ergriff und Psalmen hat gemacht,
Darinnen er sein Leid und Herzensreu' beschrieben;
So sah ich auch aus Dir den Feuereifer fahren,
Als du der Zeugen Ruhm hast an das Licht gebracht
Und in der Todesnot dies Wort zu Dir gesagt:
Dein End' ist nah. Du kannst die Müh und Eifer sparen.
Doch hat dein steter Fleiß und Eifer Dich getrieben,
Daß, da dein schwacher Leib erkrankt darnieder lag,
Dies blut'ge Opferwerk Du hast gebracht an Tag
Und es mit vieler Müh' zum Dienst der Kirch' beschrieben.
D'rum alle, die ihr euch der teuern Lehr' ergeben,
Die uns durch Christum ist von oben offenbart,
Folgt Seinem Wandel nach, den Glauben rein bewahrt,
Und lernt aus diesem Buch' nach wahrer Tugend streben,
P. v. Braght

Der blutige Schauplatz oder Märtyrer-Spiegel der Taufgesinnten oder wehrlosen Christen

Hans Koch und Leonhard Meister

Hans Koch und Leonhard Meister, ihrer Herkunft nach Waldenser, und zwar keine der geringsten unter ihnen, waren zwei fromme Männer, wie solches daraus erhellt, dass sie die christliche Wahrheit, die sie eifrig verteidigten, mehr liebten als ihr eigenes Leben, weshalb sie beide zu Augsburg um der Wahrheit des heiligen Evangeliums willen im Jahre 1524 getötet worden sind.

Hiervon werden in der heiligen Taufsgeschichte des Jacob Mehrning die Worte gelesen:

Aus den böhmischen und mährischen alt-waldensischen Brüdern sind später einige vortreffliche Männer hervorgegangen, wohin namentlich Hans Koch und Leonhard Meister gehören, welche im Jahre ... zu Augsburg getötet worden sind. Taufsgeschichte, gedruckt 1646 und 1647, Pag. 748.

Diese beiden haben vor ihrem Tode Gott den Herrn ernstlich angerufen und gebeten und haben dieses ihr Gebet, worin sie die Ursache ihres Leidens angeführt, ihren Glaubensgenossen und allen Nachkömmlingen zum Troste und zur Vermahnung hinterlassen.

O Gott! Siehe nun von deinem hohen Throne das Elend deiner Knechte an, wie sie der Feind verfolgt, weil sie sich vornehmen den schmalen Weg zu betreten wie grausam sie auch verschmäht werden. Wer dich kennen lernt und sich an dein Wort festhält, der wird von ihnen verachtet und geschmäht. O Gott vom Himmel! Wir haben sämtlich vor dir gesündigt, darum strafe uns doch in Gnaden, wir bitten dich, laß uns deine Gnade genießen, dass durch uns deine Ehre vor dieser Welt nicht gelästert werde, die nun Willens ist, dein Wort zu vertilgen. Denn wir hätten wohl bei ihr guten Frieden, wenn wir deinen heiligen Namen nicht erkennten und nicht an deinen Sohn glaubten, dass er doch für uns am Stamme des Kreuzes für uns genug getan habe, wie auch, dass er unsere Sünden getragen und für unsere Schuld bezahlt habe. Der Feind hat keine andere Ursache, uns mit solcher Wut zu versuchen, wie er täglich tut, als weil wir seinen Willen nicht vollbringen wollen, sondern dich, O Gott, in unserem Herzen lieben, welches weder der Satan noch sein Anhang ertragen kann. Darum peinigen sie uns mit aller Gewalt und verursachen uns viel Trübsal. Es ist also das unsere Missetat, weshalb uns der Feind so hart zusetzt, dass wir unsere Hoffnung allein auf dich, auf deinen lieben Sohn Jesum Christum und auf den Heiligen Geist setzen; darum müssen wir Schmach leiden, weil wir uns nicht gegen dich setzen; wenn wir uns aber zur Abgötterei begeben würden, allerlei Bosheit ausübten
und damit umgingen, so würden sie uns sicher, ruhig und unbeschädigt wohnen lassen. Darum, o Herr, nimm für uns die Waffen in die Hand und richte alle diejenigen, welche deine Gewalt und Macht nicht achten; würden wir dein Wort leugnen, so würde uns der Antichrist nicht hassen, ja wenn wir seiner lügenhaften Lehre glaubten, seinen Irrtümern folgten und mit der Welt auf den breiten Weg gingen, so würde sie uns günstig sein; da wir aber dir nachzufolgen suchen, so werden wir von der Welt gehaßt und verlassen. Wenngleich uns aber der Feind peinigt, so geschieht doch dieses nicht uns allein, sondern es ist Christo, unserem Seligmacher, auch geschehen; denn sie haben auch ihm zuerst viel Schmach und Leiden angetan und so ist es auch allen ergangen, die ihm anhingen und an sein Wort glaubten. Darum sagt Christus selbst: Verwundert euch nicht, dass die Welt euch hasst, denn sie hat mich zuerst gehasst; sie haben meine Worte nicht angenommen, und sie werden auch eure Worte nicht annehmen; haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen, und wenn euch das alles widerfährt, so freuet euch und springt auf vor Freuden; denn euer Lohn wird groß sein im Himmel. Ferner tröstet uns Christus durch den Mund seiner lieben Apostel, indem er sagt: So wir mit ihm leiden, so werden wir uns auch mit ihm freuen, regieren in der ewigen Freude. Was liegt denn daran, wenn wir hier eine kleine Zeit verspottet und verschmäht werden, während uns Gott die ewige Wonne und Seligkeit zusagt; o Herr! Du siehst und hörst den Spott, die Schmach und das Leiden, welches man deinen Kindern antut, du kennst auch ihr geringes und schwaches Vermögen; darum bitten wir dich, o Gott, schütze doch deine Ehre selbst und heilige doch deinen Namen, der nun von allen denen, die auf Erden sind, sowohl von Hohen als von Niedrigen, so abscheulich gelästert wird, erzeige deine Kraft, damit die Feinde deine göttliche Kraft merken und verstehen und sich schämen lernen. O Herr, Gott! Erbarme dich doch über deine armen Schafe, die zerstreut sind und keinen rechten Hirten mehr haben, der sie fernerhin unterrichte; sende ihnen deinen Heiligen Geist, der sie mit deiner Gnade speise und sättige, damit sie bis an ihr Ende keiner fremden Stimme gehorchen. O Gott! In deiner hohen Majestät erhöre gnädigst unsere Bitte, während wir nun in großer Anfechtung und im Streite sind und verlasse uns nicht; gib, dass wir durch Christum, deinen Sohn, unserem Herzog, beständig alles erdulden, welchem Ehre sei und der den Satan mit seinem ganzen Heere überwinden kann. Gelobt sei sein heiliger Name, Amen.

Kaspar Tauber, 1524

Im Jahre 1524 ist Kaspar Tauber, ein Kaufmann und Bürger zu Wien in Österreich, um des christlichen Glaubens willen gefangen genommen worden, und als er Christum getreulich und standhaft bekannte und nicht abweichen wollte, ist derselbe zum Tode verurteilt und verbrannt worden.

Von einem gewissen Befehle, welchen die von Zürich gegen die Taufgesinnten, gegeben im Jahre 1525, erlassen haben.

Damals haben nicht nur die Papisten, sondern auch die sogenannten Zwinglisch-Reformierten in der Stadt Zürich ihre Hände an die unschuldigen und wehrlosen Schäflein Christi gelegt. Doch so viel uns bekannt ist, haben sie keine Todesstrafe an ihnen vollzogen, sondern sich damit begnügt, sie in schwere Gefangenschaft zu legen, bis endlich, wie man leicht denken kann, der Tod darauf erfolgt ist.

Um aber wissen zu lassen, wie man von der Zeit an und fernerhin sich hierin verhalten sollte, hat die Obrigkeit dieser Stadt unter anderem verordnet, wie folgt:

Darum verordnen wir und wollen, dass künftig alle Männer, Weiber, Knaben und Mägdlein von der Wiedertaufe ablassen und dieselbe nach dieser Zeit nicht mehr gebrauchen, sondern dass sie die jungen Kindlein taufen lassen sollen, denn wer wider diesen öffentlichen Befehl handeln wird, soll, so oft als es geschieht, um eine Mark Silbers gestraft werden, und falls sich einige ungehorsam und widerspenstig dagegen betragen würden, so soll mit diesen nach der Schärfe gehandelt werden; indem wir die Gehorsamen beschützen, dagegen aber den Ungehorsamen, seinen Verdiensten nach, strafen wollen, ohne ihm etwas nachzusehen, wonach sich ein jeder zu richten hat.

Und dieses alles bestätigen wir mit diesem öffentlichen Briefe, mit unserem Stadtsiegel versiegelt und gegeben auf Andreastag, im Jahre 1525.

Vergleiche das 16. Buch von dem Untergange der Tyrannen und den jährlichen Geschichten, gedruckt 1617, auf das Jahr 1525, Pag. 1010, Col. 2, mit Henr. Bal. gegen die Wiedertäufer, Buch 1, Cap. 569; ferner den öffentlichen Brief des Rates zu Zürich, herausgegeben im Jahre 1525.

Als dieser Befehl ausgefertigt wurde, war die Zwinglische Kirche ungefähr fünf Jahre alt und war selbst dem Hasse und der Verfolgung der Papisten unterworfen. In der Tat eine jämmerliche Sache, dass solche Leute, die sich nicht lange zuvor von dem Sauerteige des Papsttums in vielen Stücken gereinigt hatten und der Tyrannei des Papstes entgegen waren, gleichwohl in diesem Stück es mit den Papisten hielten, so dass sie diejenigen, welche im Glauben mit ihnen nicht übereinstimmten, verfolgten.

Aber es wäre noch gut gewesen, wenn sie es nur bei diesem Befehle belassen hätten, denn man konnte das erste Mal mit einer Mark Silbers sich loskaufen, wenn man ein Kind nicht taufen ließ. Aber dabei ist es nicht geblieben; denn einige Jahre später und insbesondere 1530, als sie mehr Mut bekamen, wurde von ihnen beschlossen, dass man die sogenannten Wiedertäufer mit dem Tode strafen sollte, was wir betreffenden Ortes berichten wollen.

Felix Mantz, 1526

Felix Mantz hat gleichfalls in Deutschland an der Verbesserung des Glaubens mit gutem Erfolge gearbeitet. Als er aber die erkannte Wahrheit des Evangeliums mit großem Eifer belebte, lehrte und predigte, so ist er von seinen Widersachern beneidet, angeklagt, gefangengenommen und endlich zu Zürich, als ein Zeuge des Leidens Christi, um der evangelischen Wahrheit willen ertränkt worden. Dies ist im Jahre unseres Herrn 1526 geschehen, und hat derselbe seinen Mitbrüdern zum Troste und zur Ermahnung das Nachfolgende hinterlassen:

Mein Herz erfreuet sich in Gott, der mir viel Erkenntnis gegeben und beigelegt hat, damit ich dem ewigen, unendlichen Tode entgehen möge. Darum preise ich dich, o Herr Christus vom Himmel, dass du meinen Kummer und meine Betrübnis abwendest; diesen Heiland hat mir Gott als ein Vorbild und als ein Licht gesandt, der mich noch vor meinem Ende zu seinem himmlischen Königreiche berufen, damit ich mit ihm die ewige Freude genieße und ihn samt seiner Gerechtigkeit lieben sollte, welche hier und dort in der Ewigkeit bestehen wird, ohne welche kein Ding hilft oder besteht; darum werden so viele Menschen durch eine leere Meinung betrogen, welche diese in der Tat nicht haben. Aber ach, wie viele Menschen findet man heutzutage, welche sich des Evangeliums rühmen, wovon sie andern vieles lehren und verkündigen, die aber gleichwohl voll Hass und Neid sind und keine göttliche Liebe in sich tragen, welcher Betrug vor aller Welt bekannt werden wird, gleichwie wir in den letzten Tagen erfahren haben, wie diejenigen, welche in Schafskleidern zu uns kommen, aber reißende Wölfe sind, welche in der Welt die Frommen hassen und ihnen den Weg zum Leben und zum rechten Schafstalle versperren. Solches tun die falschen Propheten und Heuchler dieser Welt, die mit eben demselben Munde fluchen und auch zugleich bitten; deren Leben unordentlich ist; die die Obrigkeit anrufen, dass sie uns töten solle, womit sie das Wesen Christi vernichten. Aber ich will den Herrn Christum preisen, welcher viel Geduld mit uns hat; er unterweiset uns mit seiner göttlichen Gnade, er erzeigt allen Menschen Liebe nach der Art Gottes, seines himmlischen Vaters, was keiner von den falschen Propheten tun kann.

Hierauf müssen wir den Unterschied wahrnehmen, denn die Schafe Christi suchen die Ehre Gottes, diese erwählen sie und lassen sich davon weder durch Habe noch zeitliches Vermögen abhalten, denn sie stehen unter dem Schutze Christi. Der Herr Christus zwingt niemanden zu seiner Herrlichkeit, sondern nur diejenigen, die willig und bereit sind, gelangen dazu durch den wahren Glauben und die Taufe. Wenn ein Mensch rechtschaffene Früchte der Buße wirkt, so ist ihm der Himmel der ewigen Freude aus Gnaden durch Christum, durch sein unschuldiges Blutvergießen erkauft worden, welches er gern vergossen hat. Dann beweist er uns seine Liebe und teilt uns die Kraft seines Geistes mit; und wer dieselbe empfängt und ausübt, der wächst und wird vollkommen in Gott. Die Liebe durch Christum soll allein gelten und bestehen, aber nicht das Pochen, Schelten und Drohen. Nichts als die Liebe ist es, woran Gott ein Wohlgefallen hat; wer die Liebe nicht beweisen kann, der findet bei Gott keinen Raum. Die lautere Liebe Christi wird hier den Feind vertreiben. Wer ein Miterbe Christi sein will, dem wird auch vorgelegt, dass er barmherzig sein müsse, gleichwie der himmlische Vater barmherzig ist. Christus hat niemals jemanden angeklagt, gleichwie die falschen Lehrer zu dieser Zeit tun, woraus hervorgeht, dass sie die Liebe Christi nicht haben und sein Wort nicht verstehen; gleichwohl wollen sie Hirten und Lehrer sein; aber endlich werden sie verzagen müssen, wenn sie es gewahr werden, dass die ewige Pein ihr Lohn sein wird, wenn sie sich nicht bessern. Christus hat niemals jemanden gehasst; deswegen hassen seine rechten Diener auch niemanden und folgen dadurch Christo auf dem rechten Wege nach, auf welchem er vorangegangen ist. Dieses Licht des Lebens haben sie vor sich und freuen sich, darin zu wandeln. Diejenigen aber, welche gehässig
und neidisch sind, können keine Christen sein; die auf boshafte Weise verraten, anklagen, schlagen und zanken. Dieses sind diejenigen, die als Diebe und Mörder Christo vorlaufen, die unter einem falschen Scheine unschuldiges Blut vergießen, denn daran kann man sie erkennen, die es nicht mit Christo Halten; denn sie zerstören aus Neid die Ordnung Jesu Christi, als Belials Kinder, gleichwie auch Kain seinem Bruder Abel getan hat, als Gott sich zu Abels Opfer kehrte. Hiermit will ich meine Vorstellung endigen und begehre von allen Frommen, dass sie an den Fall Adams denken, welcher den Rat der Schlange angenommen hat und Gott ungehorsam geworden ist, weshalb ihm die Todesstrafe folgte. In gleicher Weise wird es denen auch ergehen, die Christum nicht annehmen, sondern sich ihm widersetzen; die diese Welt lieben und keine Liebe zu Gott haben und deshalb schließe ich hiermit, dass ich standhaft bei Christo bleibe und auf ihn trauen will, der alle meine Not kennt und mich daraus erretten kann, Amen.

Georg Wagner, 1527

Georg Wagner von Emmerich, ist zu München im Bayerlande, wegen vier Glaubensartikeln gefänglich eingezogen worden. Sie bestehen in Folgendem: Erstlich, dass die Pfaffen den Menschen die Sünden nicht vergeben könnten; zweitens, dass er nicht glaube dass ein Mensch Gott vom Himmel bringen möge; drittens, dass er nicht glaube, dass Gott oder Christus leiblicher Weise im Brote sei, welches der Pfaffe vor dem Altare hat, sondern, dass es ein Brot des Herrn sei; viertens, dass er nichts von dem Glauben halte, dass die Wassertaufe selig mache. Weil er nun diese Artikel nicht widerrufen wollte, so ist er scharf gepeinigt worden, so dass auch der Fürst mit ihm großes Mitleiden gehabt, auch selbst persönlich zu ihm ins Gefängnis gekommen ist und ihn fleißig zum Widerrufe ermahnt und ihm in diesem Falle verheißen hat, dass er ihn stets seinen Freund nennen wollte. Desgleichen hat ihn auch des Fürsten Hofmeister ernstlich zum Widerrufe ermahnt und ihm viele Verheißungen getan. Zuletzt hat man ihm im Gefängnisse sein Weib und Kind vor Augen gestellt, um ihn zum Widerrufe zu bewegen, aber er hat sich dadurch nicht bewegen lassen, sondern gesagt: Obgleich ihm sein Weib und Kind lieb wären, dass auch der Fürst mit seinem ganzen Lande sie ihm nicht abkaufen könnte, so wollte er doch um deswillen seinen Herrn und Gott nicht verlassen. Außerdem sind auch viele Pfaffen und auch andere zu ihm gekommen, um ihn zu überreden; aber er war standhaft und unbeweglich in demjenigen, was Gott ihm zu erkennen gegeben hat. So ist er denn endlich zum Feuer und zum Tode verurteilt worden. Als er nun dem Scharfrichter übergeben war und mitten in die Stadt geführt wurde, sprach er: Heute will ich meinen Gott, für Christus Jesus bekennen, dass eine solche Freude in aller Welt ist. Sein Angesicht ist nicht erblasst, auch haben sich seine Augen nicht verändert; er ist mit lächelndem Munde zum Feuer gegangen, worauf ihn der Scharfrichter an eine Leiter gebunden und ihm ein Säcklein Schießpulver an den Hals gehängt hat, zu welchem er sprach, das geschehe im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes; und als er nun mit lächelndem Munde von einem Christen Abschied genommen, so ist er von dem Scharfrichter ins Feuer gesteckt worden und hat seinen Geist, den 8. Tag des Februar im Jahre 1527, aufgeopfert. Als aber der Landrichter mit dem Zunamen der Eisenreich von Landsberg, von dem Richtplatze nach Hause ritt und des Willens war, seiner Glaubensgenossen noch mehrere zu fangen, ist er
plötzlich in derselben Nacht gestorben und des Morgens im Bette tot gefunden und folglich durch den Zorn Gottes aus dieser Welt genommen worden.

Es ist bekannt, dass Baltazar Pacimontanus der Kindertaufe widersprochen habe und um deswillen im Jahre 1527 zu Wien verbrannt worden sei. Siehe im 2. Teil der Taufsgesch. Jac. Mehrn., gedruckt 1646 und 1647, Pag. 777, aus Bellarm. Tom. 9, Buch 1, von der Taufe, Cap. 8.

Melchior Vet

Dieser Melchior Vet ist des Georg Blaurocks Mitgeselle gewesen, welcher gleichen Glauben mit ihm hatte; derselbe ist zu Michael Sattlers Zeit um des Zeugnisses des Glaubens und der göttlichen Wahrheit willen, welche er ohne Scheu bekannte, zu Drache öffentlich verbrannt worden.

Michael Sattler, 1527

Nachdem auf den Tag seines Abschiedes aus dieser Welt vieles verhandelt wurde und der Artikel viele waren, so begehrte Michael Sattler, dass man ihm solches noch einmal vorlegen und ihn aufs Neue darüber verhören sollte. Dagegen hat sich der Schultheiß, als seines Herrn Statthalter, opponiert und es nicht zugeben wollen. Hierauf hat Michael Sattler ein Gespräch begehrt. Als nun die Richter sich hierüber beratschlagten, so haben sie ihm zur Antwort gegeben: Die Richter seien damit wohl zufrieden, insofern es seine Widersacher zulassen würden. Hierauf hat der Stadtschreiber von Ensisheim, des erwähnten Statthalters Advokat, Folgendes gesagt: Vorsichtige, ehrsame und weise, Herren! Er hat sich des Heiligen Geistes gerühmt; wenn dem nun so ist, so halte ich ein Gespräch nicht für nötig, denn wenn er den Heiligen Geist hat, wie er sich dessen rühmt, so wird derselbe es ihm wohl sagen, was da verhandelt worden sei. Hierauf hat Michael Sattler geantwortet: Ihr Diener Gottes, ich hoffe, es wird mir solches nicht abgeschlagen werden; denn die fraglichen Artikel sind mir jetzt unbekannt. Der Stadtschreiber antwortete: Vorsichtige, ehrsame und weise Herren! Obgleich wir nicht schuldig sind, ihm solches zu tun, so wollen wir es ihm gewähren, damit in seiner Ketzerei nicht gesagt werden möge, es sei ihm Unrecht geschehen oder man habe ihm zu viel getan; darum wollen wir die Artikel abermals vorlesen.

Die Artikel bestehen darin:

Erstens, dass er und seine Anhänger gegen des Kaisers Gebot gehandelt haben.

Zweitens hat er gelehrt, behauptet und geglaubt, dass in dem Sakramente der Leib und das Blut Christi nicht enthalten sei.

Drittens hat er gelehrt und geglaubt, dass die Kindertaufe zur Seligkeit nicht erforderlich sei.

Viertens hat er das Sakrament des Öls verworfen.

Fünftens hat er die Mutter Gottes und die Heiligen verachtet und geschmäht.

Sechstens hat er gesagt, man soll vor der Obrigkeit nicht schwören.

Siebtens hat er einen neuen unerhörten Gebrauch mit des Herrn Abendmahl angefangen, indem er Brot und Wein in eine Schüssel gelegt und dasselbe ausgegessen hat.

Achtens ist er aus dem Orden gegangen und hat ein Weib geehelicht.
Neuntens hat er gesagt, wen der Türke ins Land käme, so sollte man ihm keinen Widerstand leisten und wenn das Kriegführen recht wäre, so wollte er lieber gegen die Christen zu Felde ziehen als gegen die Türken, was aber eine wichtige Sache ist, den größten Feind unseres heiligen Glaubens gegen uns herbeizuziehen.

Hierauf hat Michael Sattler mit seinen Brüdern und Schwestern zu reden verlangt, was ihm auch zugestanden worden ist. Als er nun in der Kürze sich mit ihnen unterredet hatte, hat er angefangen, unerschrocken so zu antworten: Auf diese Artikel, welche mich und meine Brüder und Schwestern betreffen, vernehmt folgenden kurzen Bescheid:

Erstens, dass wir gegen den kaiserlichen Befehl gehandelt haben sollten, gestehen wir nicht zu, denn derselbe hält in sich, dass man nicht der lutherischen Lehre und Verführung, sondern nur dem Evangelium und Worte Gottes anhangen soll; solches haben wir gehalten, denn es ist mir nicht bewusst, dass wir gegen das Evangelium und das Wort Gottes gehandelt haben sollten; ich berufe mich in dieser Beziehung auf die Worte Christi.

Zweitens, dass der wesentliche Leib des Herrn Christi nicht im Sakramente sei, gestehen wir, denn die Schrift sagt: Christus ist aufgefahren gen Himmel, sitzet zur rechten Hand seines himmlischen Vaters, von da er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten; daraus folgt, dass er nicht in leiblicher Weise gegessen werden könne, weil er im Himmel und nicht im Brote ist.

Drittens, was die Taufe betrifft, so sagen wir, dass die Kindertaufe zur Seligkeit nichts nütze, denn es steht geschrieben, dass wir allein aus dem Glauben leben; desgleichen, wer glaubet und getauft wird, der wird selig werden. So sagt Petrus: Welches euch nun auch selig macht in der Taufe, die durch jenes bedeutet ist, nicht das Abtun des Unflats am Fleische, sondern der Bund eines guten Gewissens mit Gott durch die Auferstehung Christi.

Viertens wir haben das Öl nicht verworfen, denn es ist ein Geschöpf Gottes; was aber Gott gemacht hat, ist gut und nicht verwerflich; dass es aber der Papst, nebst seinen Bischöfen, Mönchen und Pfaffen haben besser machen wollen, davon halten wir nichts, denn der Papst hat niemals etwas Gutes gemacht. Dasjenige aber, dessen der Sendbrief des Jakobus gedenkt, ist nicht des Papstes Öl.

Fünftens, wir haben die Mutter Gottes und die Heiligen niemals geschmäht, sondern man soll die Mutter Christi über alle Frauen rühmen, indem ihr die Gnade widerfahren ist, dass sie den Seligmacher der Welt geboren hat; dass sie aber die Mittlerin oder Fürsprecherin sein soll, davon weiß die Schrift nichts, denn sie muss mit uns das Urteil erwarten. Paulus sagt zu Timotheus: Christus ist unser Mittler und Fürsprecher bei Gott. Was die Heiligen betrifft, so sagen wir, dass wir, die wir leben und glauben, die Heiligen seien; solches bezeuge ich mit den Sendbriefen des Paulus an die Römer, Korinther, Epheser und an andern Orten schreibt er stets: den geliebten Heiligen. Darum sind wir, die da glauben, die Heiligen, diejenigen aber, welche im Glauben gestorben sind, halten wir für die Seligen.

Sechstens halten wir dafür, dass man vor der Obrigkeit nicht schwören soll, denn der Herr sagt: Ihr sollt aller Dinge nicht schwören, sondern eure Worte seien: Ja, ja, Nein, nein.

Siebentens, als mich Gott berief, sein Wort zu verkündigen
und ich Paulus las, dabei aber den unchristlichen und gefährlichen Stand, worin ich mich befand, überlegte und der Mönche und Pfaffen Pracht, Hoffart, Wucher und große Hurerei ansah, so habe ich solches verlassen und nach dem Befehle Gottes ein Weib genommen, denn Paulus hat hiervon an Timotheus recht geweissagt: Dass es in den letzten Tagen geschehen würde, dass man verbiete, ehelich zu werden und die Speise meiden, die Gott geschaffen hat mit Danksagung zu genießen.

Achtens gestehe ich, gesagt zu haben: Wenn gleich der Türke käme, so solle man ihm keinen Widerstand tun, denn es steht geschrieben: Du sollst nicht töten; wir sollen uns gegen den Türken und unsere übrigen Verfolger nicht wehren, sondern mit ernstlichem Gebete bei Gott anhalten, dass er sie zurücktreiben und ihnen Widerstand tun wolle. Dass ich aber gesagt habe, wenn das Kriegführen recht wäre, so wollte ich lieber gegen die sogenannten Christen ausziehen, welche die frommen Christen verfolgen, fangen und töten, als gegen die Türken, ist deshalb geschehen: Der Türke ist ein rechter Türke, weiß nichts von dem christlichen Glauben und ist ein Türke dem Fleische nach; ihr aber wollt Christen sein und rühmet euch Christi, aber ihr verfolgt die frommen Zeugen Christi und seid Türken dem Geiste nach.

Zum Beschlusse: Ihr Diener Gottes, ich ermahne euch, ihr wollt überlegen, dass ihr von Gott eingesetzt seid, den Bösen zu strafen, den Frommen aber zu schützen und zu schirmen. Weil wir nun nicht gegen Gott und das Evangelium gehandelt haben, so werdet ihr auch finden, dass wir uns nicht, weder ich, noch meine Brüder und Schwestern, mit Worten oder Werken an der Obrigkeit vergangen haben. Darum, ihr Diener Gottes, wenn ihr das Wort Gottes nicht gehört oder gelesen habt, so schickt nach den Gelehrtesten und nach den göttlichen Büchern, der Bibel, aus welchem Lande sie auch sein mögen und lasst dieselben mit uns über das Wort Gottes eine Unterredung halten und wenn uns dieselbe mit der Heiligen Schrift beweisen, dass wir irren und Unrecht haben, so wollen wir gerne davon abstehen und einen Widerruf tun, auch das Gericht annehmen und die Strafe dafür, weshalb wir angeklagt sind, gerne leiden. Wenn wir aber keines Irrtums überwiesen werden, so hoffe ich zu Gott, dass ihr euch bekehren und unterrichten lassen werdet.

Über diese Reden lachten die Richter und steckten die Köpfe zusammen, der Stadtschreiber von Ensisheim aber sprach: Ja, du ehrloser, verzweifelter Bösewicht und Mönch, sollte man sich wohl in einen Wortstreit mit dir einlassen! Ja, der Scharfrichter soll mit dir disputieren, glaube es mir gewiss. Michael sagte: Was Gott will, soll geschehen. Der Stadtschreiber sprach: Es wäre gut, du wärest niemals geboren worden. Michael antwortete: Gott weiß, was gut ist. Der Stadtschreiber entgegnete: Du Erzketzer, du hast die frommen Leute verführt, aber wenn sie nur noch jetzt von ihrem Irrtume abließen und Gnade annähmen. Michael: Gnade ist allein bei Gott. Da sprach auch einer der Gefangenen: Man muss von der Wahrheit nicht abweichen. Der Stadtschreiber: Du verzweifelter Bösewicht und Erzketzer, ich sage dir, wenn kein Scharfrichter zugegen wäre, so wollte ich dich selbst aufhängen, in der Meinung, dass ich Gott damit einen Dienst erweisen würde. Michael: Gott wird wohl richten. Hierauf hat der Stadtschreiber einige Worte mit ihm in Latein geredet, ohne zu wissen was. Michael Sattler antwortete ihm hierauf: Judica. Hierauf hat der Stadtschreiber die Richter ermahnt und gesagt: Er höret heute von diesem Geschwätz nicht auf, darum wolle der Herr Richter in dem Urteile fortfahren;
ich will alles den Rechten übergeben haben. Der Richter fragte Michael Sattler, ob er es auch den Rechten überließe, worauf er antwortete: Ihr Diener Gottes, ich bin nicht gesandt, um über das Wort Gottes zu rechten; wir sind gesandt, um dasselbe zu bezeugen, darum können wir in kein Recht einwilligen, denn wir haben dazu keinen Befehl von Gott erhalten. Wenn wir aber den Rechten nicht entgehen können, so sind wir bereit, um des Wortes Gottes willen alles zu leiden, was uns zu leiden auferlegt wird, oder um des Glaubens willen an Jesum Christum, unsern Seligmacher, auferlegt werden mag, so lange als wir einen Atem in uns haben, es wäre denn, dass wir mit der Schrift überwiesen werden. Der Stadtschreiber sagte: Der Scharfrichter wird dich wohl überweisen! Er wird mit dir disputieren, du Erzketzer. Michael: Ich berufe mich auf die Schrift. Hierauf sind die Richter aufgestanden, in eine andere Kammer gegangen und haben sich wohl an anderthalb Stunden darin aufgehalten, während welcher Zeit sie das Todesurteil beschlossen haben.

Unterdessen sind einige in der Kammer mit dem Michael Sattler sehr unbarmherzig umgegangen und haben ihn geschmäht; einer derselben sprach: Was hast du an dir und den andern ersehen, dass du sie so verführt hast? Auch hat er ein Schwert gezogen, welches auf der Tafel lag und gesagt: Siehst du, damit soll man gegen dich disputieren. Michael aber antwortete nicht auf die Worte, welche seine Person betrafen, sondern hat alles willig erduldet. Einer der Gefangenen sprach: Man muss die Perlen nicht vor die Schweine werfen.

Als Michael auch gefragt ward, warum er nicht ein Herr im Kloster geblieben wäre, hat er geantwortet: Nach dem Fleische war ich ein Herr, aber es ist so besser. Er hat auch nichts weiter geredet, als was angeführt ist - und dasselbe unerschrocken.

Als nun die Richter wieder in die Kammer kamen, hat man das Todesurteil vorgelegen, welches so lautet: Zwischen Kais. Majestät Statthalter und Michael Sattler ist zu Recht erkannt worden, dass man Michael Sattler dem Scharfrichter in die Hände geben soll; derselbe soll ihn auf den Platz führen und ihm die Zunge abschneiden, ihn dann auf seinen Wagen schmieden und seinen Leib daselbst zweimal mit glühenden Zangen reißen; und endlich soll man ihn vor das Stadttor bringen und ihm daselbst fünf Griffe geben.

Das Urteil ist in dieser Weise vollzogen worden, worauf er als Ketzer zu Asche verbrannt worden ist, seine Mitbrüder sind durch das Schwert gerichtet und die Schwestern ertränkt worden. Sein Weib aber, nachdem man sie sehr gebeten, ermahnt, bedroht hat, ist nach einigen Tagen auch in großer Standhaftigkeit ertränkt worden. Geschehen den 21. Mai 1527.

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